Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 43

A. Sein Leben verlieren und die Freiheit der Kinder Gottes – ein Widerspruch?
(von Tamás Czopf)
B. Wie findet Gott Menschen, die seinen Willen tun – der Sonntag von der Freiheit der Nachfolge
(von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen am 13. Sonntag im Jahreskreis C: 1. Buch der Könige 19,16-21 gekürzt; Galaterbrief 5,1 und 13-18; Lukasevangelium 9,51-62.)

A. Sein Leben verlieren und die Freiheit der Kinder Gottes – ein Widerspruch?

Der heutige Sonntag gewährt uns Einblick in ein Thema, das besonders passend ist, wenn junge Leute unter uns sitzen, die sich auf die Firmung vorbereiten. Die christliche Volljährigkeit – wie die Firmung auch genannt wird, bedeutet auch, eingeweiht zu werden in die „Freiheit der Kinder Gottes“. Freiheit ist das kostbarste Gut, weil sie zu allen anderen Gütern den Weg öffnet. Aber was Freiheit, insbesondere die christliche Freiheit, bedeutet, liegt nicht auf der Hand.

Das Ja zur Berufung

Der Kirche wird nicht erst heutzutage nachgesagt, dass sie eine Großmeisterin der Unfreiheit, der Einschränkung, des Verzichts und der Enge sei; sie erscheint vielen als die größte Spielverderberin. Diesen Eindruck könnten auch die Forderungen Jesu verstärken. Sie klingen hart: Familie und alles verlassen, das Kreuz auf sich nehmen, kein Zuhause haben – ist das nicht geradezu das Gegenteil von Freiheit?

Das ist die Frage und das Thema des Sonntags: Die Berufung des Menschen im Spannungsfeld der Freiheit und die Freiheit in der Spannung zur Berufung des Jüngers.
Ich möchte mit der These beginnen: Wahre menschliche Freiheit bedeutet im biblischen Sinn, in der Lage sein, auf Gottes Ruf Ja zu sagen.

Diese Freiheit der Kinder Gottes hat zwei Dimensionen: Zum einen ist sie ein Befreitwerden von allem, was einen besetzt und belegt; zum anderen, frei und bereit werden für den Weg Gottes. Daraus ergeben sich zwei Fragen:
1. Was hindert und besetzt uns, wovon wir befreit werden sollen?
2. Und was ist der Weg Gottes, zu dem wir frei werden sollen?
Versuchen wir diese zwei Fragen ausgehend von den Texten des Sonntags zu beantworten.

1. Was hindert uns in unserer Freiheit?

Die Texte reden nicht von Unterdrückung und Verfolgung. Die äußerliche Freiheitsberaubung schien Jesus und den Jüngern – vor allem dann nach Pfingsten – nicht allzu viel auszumachen. Paulus saß öfter im Gefängnis und konnte seine Freiheit trotzdem bewahren…

Er spricht im Galaterbrief davon, dass uns das Gesetz des „Fleisches“ am meisten zu schaffen macht. Das ist eine der am meisten un- oder missverstandenen Aussagen im Neuen Testament. Zur Zeit des Paulus gab es im Mittelmeerraum Denkrichtungen, die den Menschen zweigeteilt haben: in einen dunklen leiblichen und einen hellen geistigen/geistlichen Teil. Aus einer solchen Einstellung konnte die Ignorierung oder gar Verachtung des Körpers (insbesondere auch der Sexualität) entstehen. Paulus gehört aber nicht zu den Anhängern dieser Denkrichtungen! Wenn er zwischen Fleisch und Geist unterscheidet, redet er in beiden Fällen vom ganzen Menschen, der sein Leben von zwei verschiedenen und z.T. gegensätzlichen Prinzipien oder Schwerpunkten bestimmen lassen kann.
Nach dem Fleisch zu leben, heißt, ganz in der biologisch-kreatürlichen, säugetier-ähnlichen Ausrichtung sein Leben führen. Die primären Bedürfnisse für sich zu sichern, das zu tun, was einem gefällt und wohltut. All das muss nicht moralisch schlecht sein, aber es ist zu wenig und greift zu kurz. Dahingegen geistlich, vom Geist bestimmt sein, bedeutet, sich zur höheren Berufung erheben lassen und sie in gegenseitiger Achtung und in der Sorge füreinander zu erfüllen.

Auch ein Jünger Jesu hat Hunger, sexuelles Verlangen, Verlangen nach Eigentum, nach Sicherheit usf. – das wird bleiben und ist in Ordnung. Aber das ist nicht alles, was das Leben bestimmt.
Der Mensch ist so geschaffen, dass nur der Geist, der mit dem Geist Gottes in Verbindung getreten ist, ihm ein erfülltes und seliges Leben ermöglicht.

Diese Beobachtung des Paulus, dass ein materialistischer, biologischer Humanismus die volle Freiheit verkürzt und verhindert, unsere vollständige Würde zu erreichen, ist eine allgemein menschliche Tatsache.
Jesus geht in den geschilderten Nachfolge-Situationen weiter. Sein Problem ist nicht ein allgemein menschliches; er sucht Mitstreiter für die Sache Gottes heute; Menschen, die frei sind, mit ihm die Wege zu gehen, die lange schon verheißen waren, aber jetzt neu aktuell werden. Er merkt, dass die meisten Menschen – vielleicht ganz verständlicherweise – von den natürlichen Bindungen so sehr belegt sind, dass sie für seinen unbekannten und fremden Weg, für den Sprung ins Ungewisse nicht frei sind. Diese Leute sind weder böse noch egoistisch. Aber Jesus braucht wenigstens einige, die die Freiheit besitzen, Sicherheiten und Pläne, manche üblichen Konventionen aufzugeben und sich dem Neuen auszuliefern, das Gott gerade jetzt unter uns schafft.

Aber warum ruft Jesus sie weg? Ist er damit nicht der größte Spielverderber?

2. Wir müssen die zweite Frage anschauen: Wohin führt der Weg Jesu, wohin ruft er die Weggefährten?

Jesus verkündet nicht einen universal philosophischen, allgemein humanen spirituellen Weg, sondern hat eine sehr konkrete Route vor sich: Er bricht nach Jerusalem auf. Jerusalem ist zum einen die Mitte des jüdischen Lebens und Glaubens, der geographische Höhepunkt des Landes. Zugleich ist Jerusalem aber der Ort der Verurteilung und des Leidens Jesu. Dennoch ist der Weg Jesu am Kreuz nicht zu Ende. Lukas formuliert es sehr präzise: „Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen.“ „Hinweggenommen werden“ ist der Ausdruck für die Himmelfahrt Jesu. Der Weg führt also letztlich zum Vater, die Nähe des Vaters ist das Ziel, das Kreuz ist eine Zwischenstation.
Auch wenn es sonderbar klingt: Dieser Weg über das Kreuz ist ein Weg der Befreiung; Befreiung von Bindungen, die einen besetzen und niederziehen, Befreiung aus der Enge eines durchgeplanten Lebens ins Ungewisse.

Am Kreuz, das Gott für die Jünger Jesu vorgesehen hat, fließt selten Blut. Es stirbt aber dort etliches ab, was vielleicht wertvoll, aber hinderlich ist, und es öffnet sich eine Weite, die vielleicht zunächst bedrohlich erscheint, aber dann tiefes Glück schenkt – verbunden mit der Gemeinschaft jener, die es wagen, diesen Weg mitzugehen und diese Freiheit anzunehmen.

Unsere These hieß: Wahre Freiheit bedeutet, auf Gottes Ruf Ja zu sagen. Das wird kein Weg des Verwöhnt-Werdens, kein Weg des sich Wohlfühlens, sondern viel mehr: ein Weg, der Himmel und Erde verbindet.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Wie findet Gott Menschen, die seinen Willen tun – der Sonntag von der Freiheit der Nachfolge

Gott ist unsichtbar und er hat kein Werkzeug, um in der Welt einzugreifen, außer Menschen, die für ihn tun, was sein Wille ist. Wie kommt er an solche Menschen? Das ist die Frage, die hinter den Texten dieses Sonntags steht.

Elija und Elischa, zwei biblische Beispiele

Da war Elija, dem aufgegangen war, wie Gott denkt über das, was die Menschen tun, und der sie, sogar den König und die amtlichen Priester, deshalb kritisieren musste. Der König hatte ihn daraufhin zur Fahndung ausgeschrieben und wollte ihn umbringen lassen. Ejija war am Ende; er ging in die Wüste und wollte sterben. Da begegnete ihm Gott am Berg Horeb und sagte zu ihm: So schnell kommst du nicht davon. Geh zurück und sorge zuerst für einen Nachfolger.
Und jetzt trifft er den Elischa, einen geeigneten Nachfolger, wie die weitere Geschichte bestätigte. „Er war gerade mit zwölf Gespannen am Pflügen“, ein reicher Großbauer, der Hoferbe, er pflügte gerade zusammen mit 11 Arbeitern mit Ochsengespannen, er selbst mit dem letzten, um seine Arbeiter im Blick zu haben. Und da wirft Elija seinen Mantel, das Erkennungszeichen des Propheten, über ihn. Das heißt, er übergibt ihm sein Prophetenamt. Elischa begriff sofort, was das bedeutet: seinen Beruf, seinen Hof aufgeben und als Prophet durch das Land ziehen und sich mit dem König anlegen. Aber das kam jetzt doch sehr plötzlich, und er bittet Elija: Lass mich zuerst noch einmal nach Hause gehen und wenigstens ein Abschiedsfest feiern.

Was soll Elija darauf sagen? Es war klar: Wenn Elischa jetzt nach Hause geht, dann wird sich seine ganze Familie versammeln und sagen: „Spinnst du? Den Hof auf­geben und Prophet werden? Überleg dir das noch einmal gut!“
Wie Elija antwortet, „Geh, kehr um! Denn was habe ich dir getan?“, ist uns völlig fremd. Das wird in der alten Übersetzung deutlich, wo der Übersetzer es auch nicht verstanden und dann so übersetzt hat, wie er antworten würde: „Geh, aber komm dann zurück! Bedenke, was ich an dir getan habe.“ Man sieht den erhobenen Zeigefinger. Aber so steht es nicht da. „Geh! Denn was habe ich dir getan?“ Das heißt, geh, du bist ganz frei. Ich habe von dir nichts verlangt. Du brauchst auch nicht wiederkommen und Prophet werden. Du bist zu gar nichts verpflichtet.

Nur in voller Freiheit entspricht eine Antwort dem Ruf

Nur in ganzer Freiheit kann man den Auftrag Gottes übernehmen. Da gibt es keinen moralischen oder sonstigen Druck. Es wird nicht erzählt, was da in Elischa vorgegangen ist, nur das Ergebnis: Er geht nicht mehr nach Hause, um ein Abschiedsfest vorzubereiten; er improvisiert mitten auf dem Feld ein Abschiedsessen mit seinen Arbeitern, schlachtet dazu die Ochsen, mit denen er gepflügt hat, und macht die Jochstangen, mit denen sie den Pflug gezogen haben, zu Brennholz und wird Prophet. Er hat begriffen: Wenn einen ein solcher Ruf trifft, geht es ums Ganze; da kann man nicht halbherzig ja sagen.

Das heutige Evangelium beginnt mit der Szene, wo die Samariter Jesus und seinen Jüngern keine Unterkunft gewähren. Darüber sind zwei seiner Jünger, die temperamentvollen Donnersöhne Jakobus und Johannes, so empört, dass sie mit Feuer vom Himmel diese Dörfer vernichten möchten. Jesus lässt es nicht zu. Er weiß, das Feuer, das die zwei auf diese Separatisten werfen wollen, hat die Trennung herbeigeführt und würde sie nur immer weiter vertiefen, dieses Feuer darf nicht fallen.
Er versteht die Samaritaner, die gegen den Tempel sind und ohne den Tempel Gott anbeten und immer die Juden ärgern, wenn sie durch ihr Gebiet zum Fest, zum Tempel pilgern, und so sucht er einfach ein freundlicheres Dorf auf. Mit Gewalt kann man nichts ändern, das gespaltene Gottesvolk nicht wieder einen. Das war schon das prophetische Wort gegen den König Rehabeam am Anfang, als es gerade zu der Abspaltung des Nordens vom Gesamtgebiet gekommen war. Und auch Jesus aufzunehmen, darf niemand mit Gewalt gezwungen werden. Wer ihm nachfolgen will, muss es, darf es nur in voller Freiheit tun, ohne jeden Zwang. Das war den Jüngern Jesu so fremd wie uns.

Die vom Anruf Gottes ermöglichte Freiheit

Jetzt begegnet Jesus Menschen, die es freiwillig tun: „Meister, ich will dir folgen, wohin immer du gehst.“ Aber „Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!“ – wie bei Eiischa, nur jetzt zugespitzt: Tote begraben, die toten Eltern begraben ist eine heilige Pflicht nach der Tora; da kann Jesus doch nichts dagegen haben. Das Schlüsselwort ist „zuerst“, wie wenn Kinder ins Bett gehen sollen: „Lass mich zuerst noch dieses Spiel zu Ende spielen, oder diese Sendung am Fernsehen schauen.“ Was ist einem das Wichtigste, das an erster Stelle kommt? Hier sind es familiäre Verpflichtungen, die für den, den Jesus ruft, an erster Stelle stehen. Da hat Jesus eigentlich keine Chance. Und da sagt er, hier ist etwas noch Gewichtigeres als solche Verpflichtungen.

Interessant ist seine Antwort: „Lass die Toten ihre Toten begraben“, etwas zweideutig: Wer sind hier die Toten, die ihre Toten begraben sollen? Sogenannte Verpflichtungen können einen Menschen ungeheuer binden. Ein Mensch, der sich nur davon bestimmen lässt, seine Verpflichtungen zu erfüllen, ist eigentlich wie eine Maschine, die perfekt programmiert ist, die genau das tut, wofür sie programmiert ist. – lebendig? Nein, eine tote Maschine, würden wir sagen.
Und jetzt ruft Jesus einen Menschen da heraus zu einem Auftrag, der alles auf den Kopf stellt, und stellt ihn damit – so wie den Elischa – plötzlich in eine Freiheit, die es sonst nirgends gibt: Er kann jetzt dazu ja oder nein sagen und weder für das eine noch für das andere kann man ihm einen Vorwurf machen, noch wird er dafür bestraft. Er ist ein Lebender geworden, der frei ist, sich zu entscheiden.

Für Paulus ist Liebe der Boden der Freiheit

Jetzt können wir auch die zweite Lesung verstehen, die wie eine Zusammenfassung ist: „Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch!“ Das letzte bedarf vielleicht noch einer Erklärung. Fleisch, das ist eine Ausdrucksweise der damaligen Zeit; es meint so etwas, was wir nennen würden: unsere natürlichen Bedürfnisse oder das, was bestimmte Humanwissenschaftler als natürliche Bedürfnisse des Menschen definieren.
Ein ganz schlichtes Beispiel: Die Kirche hat einmal als Gebot formuliert, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Das ist auch tatsächlich lebenswichtig für das Leben einer Gemeinde, dass sie sich jede Woche trifft. Früher war das mit einem großen sozialen Druck verbunden. Dass das heute nicht mehr so ist, ist gut. Zwang gibt es bei Gott nicht und darf es auch in der Kirche nicht geben: „Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch!“ Also: Ich bin frei, in die Kirche zu gehen oder nicht. Und jetzt habe ich das natürliche Bedürfnis auszuschlafen. Dann nehme ich mir die Freiheit, nicht zu gehen. So ist die Freiheit nicht gemeint. „Dient einander in Liebe!“ Wir brauchen doch einander, dass wir uns jede Woche gegenseitig im Glauben stärken und stützen, und dafür ist es auch ganz wichtig, dass wir nicht nur nebeneinander stehen und beten und singen, sondern noch weiter beieinander bleiben und austauschen, wie es dem anderen geht und wer vielleicht ein stärkendes Wort oder eine helfende Tat braucht. „Dient einander in Liebe!“ Wir sollen nicht Geboten dienen; wir sind zur Freiheit berufen. Aber „dient einander in Liebe!“

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf