Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 44

A. Verheißungen zu ungemäßer Zeit (von Tamás Czopf)
B. Der Ernst der Berufung und die ihr folgende Freude (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen des 14. Sonntags im Jahreskreis C, Jesaja 66,10-14; Galaterbrief 6,14-18; Lukasevangelium 10,1-12.17-18.
Konrad Wierzejewski fügt ergänzende Gedanken zum Fest Petrus und Paulus hinzu.)

A. Verheißungen zu ungemäßer Zeit

Diese zwei Schrifttexte, auf die wir uns beziehen, sind wie zwei Szenen eines Dramas. Das letzte Kapitel der Jesaja-Sammlung enthält Verheißungen zu einer Zeit, die alles andere als verheißungsvoll war. Und Jesus spricht von einer reichen Ernte, deren allzu wenige Arbeiter er ausdrücklich „wie Schafe unter die Wölfe“ aussendet.
Überall spürt man eine große Spannung zwischen einer bedrohlichen Situation und einer großen Zuversicht; und die Spannung will sich in Richtung Freude auflösen.
Aber schauen wir uns diese zwei Szenen etwas näher an:

Eine neue Gesellschaft soll wachsen: Das Bild Jerusalems

Ein Rest der Israeliten ist aus der z.T. gar nicht so unangenehmen Verbannung nach zwei Generationen in das Heimatland zurückgekehrt. Die Stadt Jerusalem mit dem Tempel soll wieder aufgebaut werden. Aber noch wichtiger und schwieriger ist es, die Gesellschaft wieder aufzurichten, neu auszurichten auf die Mitte dieser Stadt und dieser Geschichte hin: nämlich auf Gottes Wort, sein Gesetz. Und das klappt mehr schlecht als recht – so wie heute und immer.

Wir dürfen in dieser oft besungenen Stadt auch die Kirche sehen, denn Jerusalem ist Urbild und Wurzel der Kirche. Auch sie liegt allzu oft in wichtigen Teilen in Trümmern, ist verwüstet – von innen und von außen. Und auch sie wird vielfach vergessen, verachtet und ignoriert.
Aber Jerusalem ebenso wie ihre Freundin, die Kirche, bergen eine verborgene und unersetzbare Quelle: Jesaja spricht von Freude und von Trost, die man dort schöpfen kann. Und zwar jeder könnte dort Freude und Trost schöpfen; aber zugänglich sind diese Gaben nur für die, die diese Stadt lieben und um sie trauern. „Freut euch mit Jerusalem alle, die ihr sie liebt!“
Vor den Spöttern und Gleichgültigen bleibt diese Quelle versteckt. Aber für die sie Liebenden offenbart sie sich als Mutter. Jesaja verwendet gewagt schöne Bilder: Man soll trinken und satt werden an der Brust ihrer Tröstungen, schlürfen und sich laben an der Brust ihrer Herrlichkeit. Und zum Schluss stellt sich heraus, dass diese Mutter nicht bloß eine Stadt und ihre Gemeinschaft ist, sondern Gott selber: „Wie einen Mann, den seine Mutter tröstet, so tröste ich euch.“

Die Arbeiter für die angekündigte reiche Ernte

In der anderen viel späteren Szene sendet Jesus seine Jünger „in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte“ – schreibt Lukas. 72 Jünger ergeben 36 Paare, so viel würde Jesus allein nur schwer schaffen. Er braucht und beruft Menschen, die in seinem Auftrag handeln. Diese Sendung gehört wesentlich zu unserer Würde von der Schöpfung her und erst recht zu unserer Berufung aus der Taufe. Die Quelle Jerusalems, die konkrete Fürsorge Gottes, will sich verbreiten, und dazu braucht es Mitarbeiter.

Wie diese Verbreitung vor sich gehen soll – und bald wird sie weit über die Grenzen Israels hinausgehen –, das wird hier kurz und klar geschildert: ohne Geldbeutel, ohne Vorratstasche, ohne Schuhe, ohne sich unterwegs aufhalten zu lassen, mit dem Friedensgruß auf der Zunge. Die Art dieser Gesandtschaft ist bereits Predigt vom Reich Gottes:
wie die Jünger auftreten, gehört zum Inhalt und Merkmal dieses Reiches. Die Ausrüstung der Jünger besteht gerade in der fehlenden Ausrüstung: kein Schutz, keine Sicherheit, obwohl sie unter Wölfe geschickt werden, und auf Schlangen und Skorpione treten müssen. Das funktioniert nur, wenn man volles Gottvertrauen und damit verbunden tiefes Vertrauen in die Brüder und Schwestern hat, die die Jüngerpaare aufnehmen werden. Wenn Gott Israel in der Wüste am Leben erhalten konnte, dann wird auch diese Mission gelingen. Entscheidend ist, dass die Jünger weder Zwang noch Gewalt üben dürfen. Wenn man noch den fehlenden Stab dazunimmt, heißt es, dass auch die Selbstverteidigung fehl am Platz wäre; aber der Text spricht auch gegen Steuern und Pflichtabgaben.

Die Jünger müssen sich restlos auf das Wohlwollen der Menschen und auf die Zusage Gottes verlassen. Diese fast naive und dabei radikale Haltung stand hinter der Glaubwürdigkeit der jungen Kirche des Anfangs. Und vielleicht fehlt gerade sie der Kirche heute am meisten. Nicht Macht und Stärke, Stellung und Anerkennung, sondern die Botschaft und die Lebensform des ohnmächtigen Friedens kann die Quelle Jerusalems für die Welt freilegen.

Verheißung und Erntearbeit in Zuversicht

Zum Schluss muss man noch wahrnehmen, dass beide Szenarien, die Verheißung bei Jesaja und die Rede von der Ernte bei Jesus, ohne ein Bild der Harmonie zu zeichnen, dennoch voller Zuversicht sind.
Denn sowohl bei Jesaja als auch bei Jesus ist das Gelingen des Dramas schon vorprogrammiert. Der Erfolg verdankt sich allerdings nicht der guten Organisation oder einigen hervorragenden Persönlichkeiten, sondern allein der Zusage Gottes.
Bei Jesaja ist es nämlich Gott, der erklärt: „wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr.“ Und auch Jesus bestärkt seine Jünger: „freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“
Der Hauptakteur ist also Gott, auch wenn im Vordergrund nur Menschen aktiv sein müssen. Diese „himmlische Registrierung“ – die wir durch die Taufe zugesagt bekommen, kann zum Angelpunkt unseres Lebens werden, wo alles befestigt und gesichert ist. Dazu wollen wir wieder neue Kraft schöpfen und neuen Anlauf nehmen in diesem Gottesdienst.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Der Ernst der Berufung und die ihr folgende Freude

Das Evangelium dieses Sonntags schließt sich an das des letzten Sonntags an, wo es darum geht, wie Jesus Jünger beruft. Aber während dort die Texte geprägt waren von dem großen Ernst der Berufung – „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ – gibt heute die Lesung von dem Propheten Jesaja eine ganz andere Stimmung vor: „Freut euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die ihr sie liebt“, die Worte, die auch am 4. Fastensonntag „Laetare“ gelesen werden und ihm den Namen gegeben haben.

Der Jubel über Jerusalem

Was steht hinter diesem Jubel über Jerusalem, „Wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und die Herrlichkeit der Nationen wie einen rauschenden Bach”? Wenn wir auf die Geschichte schauen, dann wurde Jerusalem, der ganze Nahe Osten eher zum Zankapfel der Großmächte bis heute. Trost und Frieden gingen selten von dort aus, meistens gab es Kampf, Eroberung und Fremdherrschaft.
Dann sagten manche, die Vision beziehe sich auf das neue Gottesvolk, und das sei die Kirche. Aber was sehen wir da? Sie wurde nicht zum Orientierungspunkt, von dem Frieden für die zerstrittenen Völker ausstrahlt, sondern hat sich verbündet mit den Staaten, sich vereinnahmen und hineinreißen lassen in die Spaltung in Ost und West und viele weitere Spaltungen, so dass sie gegenüber dem jetzigen Krieg hilflos dasteht.
Und doch wagt es die Kirche, heute diese Verheißung des Friedens, der von Jerusalem ausstrahlt, zu lesen und das Evangelium danebenzustellen als den Beginn der Erfüllung. Das kann uns nur veranlassen, noch einmal genau hinzuschauen, ob es uns vielleicht einen Maßstab an die Hand gibt als Bedingung für die Erfüllung.

Der Weg zu diesem Jubel –Jesus gibt den Weg vor

Es beginnt: „Der Herr wählte Zweiundsiebzig aus.“ Wir denken, es war unser Entschluss, dass wir hierher zum Gottesdienst gekommen sind. Und die Kirche müsse ihr Angebot attraktiv machen, dass viele es wählen, auch den Beruf des Priesters wählen. Bei Jesus ist es ganz anders, auch anders als das damals Normale im Verhältnis zwischen einem Rabbi und seinen Schülern, wo man sich einen Rabbi aussuchte, der einem am meisten zusagte. So bekam dieser einen Kreis von Jüngern, die ihm folgten. Bei Jesus ist es anders: „Er wählte 72 Jünger aus.“ Einmal sagt er es ganz direkt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ Und er bemüht sich überhaupt nicht, sein Angebot attraktiv zu machen – am letzten Sonntag haben wir es gehört: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Er beruft seine Jünger meist gegen ihre Lebensentwürfe, oft gegen ihre Vorstellungen von Religiosität in seine Nachfolge.

Dann heißt es, er sendet seine Jünger zu zweit aus. Denn sie sollen in ihrem Miteinander Zeichen für die hereingebrochene Gottesherrschaft sein im Unterschied zu dem menschlich Normalen, dass jeder seine Ansichten hat und im Alleingang vertritt. Auch ein Verein Gleichgesinnter würde noch nichts bedeuten. Aber wenn wie unter den Jüngern Jesu Matthäus, ein Zöllner, Kollaborateur der römischen Besatzungsmacht, und Simon, der Zelot, ein Freiheitskämpfer, sich einig werden auf den Willen Gottes hin, das ist ein Wunder, ein Zeichen, das davon spricht, dass Gott sich als mächtig erwiesen hat, Menschen zu sammeln, auch heute.

Vor einigen Wochen bin ich mit einer engagierten Pfarrgemeinderätin und einigen anderen ziemlich heftig aneinander geraten und es ging ihr und mir um die Sache, nicht eine Rangelei, wie es sie auch unter den Jüngern Jesu gab, wer der größte sei, sondern es ging um die Sache. Und heute dürfen wir sehen: Jesus hat sich seine Jünger ausgewählt und zusammengespannt, so gegensätzliche Menschen wie Matthäus und Simon, dass sie in ihrem Miteinander, ihrem Einig-Sein, ihrem täglich neu Einig-Werden, und nur so, von der hereingebrochenen Gottesherrschaft reden können. Er hat uns dazu in seiner Gemeinde zusammengespannt.
Täglich neu einig werden in seinem Dienst, diese Aufgabe ist uns geblieben mit der Verheißung, dass es dieses Wunder auch heute geben soll. Wir müssen weiter darum ringen.

Das Jesuswort: Die Gesandten sollen nichts mitnehmen auf den Weg

Und dann sagt Jesus: „Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe“, was oft so missverstanden wird wie ein Lob eines einfachen, bedürfnislosen Lebens, wie in dem beliebten Lied: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ Aber das geht nur leider haarscharf an dem vorbei, was Jesus gewollt hat. Er war gerade kein Verfechter des einfachen Lebens; er wurde „Fresser und Weinsäufer“ geschimpft. Als eine Frau „sündhaft“ teures Öl über seine Füße ausgießt, lobt er sie und verteidigt sie gegen die, die das als Verschwendung kritisieren. Es muss also etwas anderes sein, was er hier meint.

Ich fand dazu zwei Erklärungen: Einen Schlüssel finden wir in den folgenden Sätzen: „Wenn ihr in ein Haus kommt, … esst und trinkt, was man euch anbietet.“ Was für ein Haus? – Ein Haus von Menschen, die Jesus unterstützten, aber deren Berufung es nicht war, mit ihm umherzuziehen. Markus berichtet einmal von einem Geheilten, der Jesus bat, bei ihm bleiben zu dürfen. Ihm sagte Jesus: „Geh nach Hause und berichte dort alles, was der Herr für dich getan hat.“ So gab es im ganzen Land viele Häuser solcher Menschen, Sympathisanten, die Jesus und seine Jünger aufnahmen und unterstützten, wenn sie dorthin kamen.
Dass die Jünger ohne Proviant ausziehen konnten, war ermöglicht von diesem Netz von Sympathisanten, war ein Zeugnis, dass man mit ihnen rechnen konnte, deren Berufung für die Ausbreitung der Gottesherrschaft genauso wichtig war und ist wie die der Jünger Jesu, die mit ihm zogen. Das ist die notwendige zweite Seite der Nachfolgeforderung, die uns am letzten Sonntag in ihrer schockierenden Kompromisslosigkeit begegnet ist. Niemand kann sich seine Berufung selber aussuchen ebensowenig wie den Meister, sondern Jesus ist es, der es wagt, in der Vollmacht Gottes einen zu rufen, oder ein Mensch, der es wagt, im Namen Jesu einen zu rufen, und der einem die konkrete Berufung zuspricht. Auch heute lebt eine Gemeinde von diesen verschiedenartigen Berufungen, die sich niemand selber geben kann.

Das Jesuswort: Ich sende euch wie Schafe unter die Wölfe

Die Anweisung Jesu hat noch einen zweiten Aspekt: Sie beginnt: „Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ In einer ähnlichen Aufzählung im vorhergehenden Kapitel wird auch verboten, einen Stock mitzunehmen, mit dem man sich verteidigen kann. Gemeint ist völlige Wehrlosigkeit in scharfer Abgrenzung zu den Zeloten, die Waffen trugen und mit Terroranschlägen versuchten, die Römer aus dem Land zu vertreiben und mit Gewalt einen Gottesstaat zu errichten. Die Gottesherrschaft, die Jesus verkündete, ist etwas ganz anderes, und da ist es wichtig, dass seine Jünger sich bis ins Letzte von den optimal ausgerüsteten Gotteskriegern unterscheiden.

Und das Ganze ist heute eingebettet in eine jubelnde Grundstimmung vom Beginn in der ersten Lesung bis zum Ende des Evangeliums, wo die Jünger zurückkehren und Jesus sagt: „Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen.“ Und wir dürften noch einige Verse weiter lesen, wo Jesus seinen Jüngern sagt: „Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. Viele Propheten und Könige“, Friedensaktivisten und Politiker, könnte man heute sagen, „wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ Es geht nicht um kaum zu erfüllende Forderungen, sondern darum, dass es schon anfanghaft gelungen ist und dass es auch heute wieder gelingen soll, auch in unserer Pfarreiengemeinschaft und an den einzelnen Orten, zum Trost für die Welt, die so den Frieden sucht.

Jesaja 66,10-14; Galaterbrief 6,14-18; Lukasevangelium 10,1-12.17-18
14. Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

Der Gedanke der Berufung verschiedenartiger, gegensätzlicher Menschen prägte schon das Fest der Apostel Petrus und Paulus in einem ganz anderen, inspirierenden äußeren Rahmen:

Ergänzende Gedanken zum Sonntag
vom Fest Petrus und Paulus

Merken wir eigentlich, wie heute die Welt auf dem Kopf steht? Um das Hochfest der größten der Apostel, Petrus und Paulus, zu feiern, begeben wir uns an den kleinsten Ort der Pfarreiengemeinschaft, der ausgerechnet sie sich als Patrone gewählt hat.
[Anm.: Der kleinste Ort der Pfarreiengemeinschaft Geltendorf, Oberbayern, ist Unfriedshausen]

Und wir bekennen an jedem Sonntag und Hochfest, auch heute im Glaubensbekenntnis eine Ungeheuerlichkeit: Der Mensch Jesus ist der einziggeborene Sohn Gottes, eine Behauptung, die nicht von einer theologischen Koryphäe in Rom oder Jerusalem stammt, sondern, wir haben es heute gehört, von Petrus, einem Fischer aus einem galiläischen Dorf, nicht bedeutender als Unfriedshausen, und wurde in der ganzen Welt verbreitet von Paulus, einem Zeltmacher aus Tarsus in der heutigen Türkei.

Das „Eigen-artige“ der beiden, Petrus und Paulus

Beide sind Jesus in einer Weise begegnet, die ihr Leben völlig aus der Bahn warf:

  • Petrus verließ seine Fischerboote und seine Familie. In ein und derselben Szene wird Petrus dann von Jesus als Fels und als Satan bezeichnet: „Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Petrus ist nicht Fels wegen seiner Persönlichkeit und heldenhaften Stärke, sondern wegen seiner Umkehr und seiner Leidenschaft für die Sache Jesu, und weil er weiß, dass nicht die menschliche Stärke zählt, sondern die Bereitschaft, wieder aufzustehen und weiterzugehen auf dem richtigen Weg.
  • Paulus kam erst viel später, erst nach dem Tod Jesu dazu. Er lernte als Christenverfolger die Gemeinde und ihre Lehre über Jesus kennen. Und eines Tages wird er vor Damaskus von der Einsicht zu Boden geworfen: Dieser Jesus war der erwartete Messias, er hatte Recht mit seiner Rede von Gott. Die Lebensweise der Christen, die er bis aufs Blut verfolgte, hatte ihn überzeugt. Auf dem Gesicht der Gemeinde erkannte er das Antlitz Christi. Das war seine Vision, die sein ganzes Leben umstürzte.

Zusammen in der Auseinandersetzung um den Weg des Glaubens

Über die Frage der Heidenmission gerieten beide in heftigen Streit miteinander. Dürfen Heiden, Menschen, die von Haus aus nicht zum Gottesvolk gehören, in die Gemeinde aufgenommen werden, ohne dass sie sich dem ganzen jüdischen Gesetz mit allen Vorschriften unterstellen? Wenn Petrus und Paulus sich auf dem Apostelkonzil in Jerusalem nicht geeinigt und es gemeinsam als Willen Gottes erkannt hätten, die Heiden, Menschen wie uns, auch ohne Beschneidung, zu taufen, dann wäre die ganze Sache bereits im Keim erstorben, dann wären wir jetzt nicht hier.

Keiner von beiden war fehlerlos, war unschuldig. Der nicht, der die junge Gemeinde zu vernichten suchte, und Petrus nicht, den Jesus „Satan“ nannte, weil er den Leidensweg der Nachfolge nicht gehen wollte, sondern einen bürgerlichen, bequemeren Weg. Trotz ihrer Schwächen und Fehler konnte Gott Petrus und Paulus für seinen Plan brauchen. Und auch unser Ziel kann und braucht es nicht zu sein, fehlerlos zu werden. Was bei den Aposteln zählte, war ihre Leidenschaft für diese Sache.

Die Lesungen des heutigen Festtags sprechen vom Ende des Lebens von Petrus und Paulus. Der Abschnitt der Apostelgeschichte, den wir gehört haben, ist die letzte Nachricht von Petrus in der Bibel. Nach der Erzählung von seiner Befreiung aus dem Gefängnis heißt es: „Dann verließ er sie und ging an einen anderen Ort“, eine verschlüsselte Sprache, wie sie in der Verfolgungszeit notwendig war. Da ist Rom gemeint.

Dort wurde Petrus 25 Jahre später am Kreuz hingerichtet. Sein Tod wird in der Bibel nicht berichtet; da ist die letzte Nachricht, dass er befreit wurde: Das bedeutet, er wurde befreit, um Jesus als den Messias zu bezeugen. An diesem Zeugnis konnten ihn seine Gegner nicht hindern, weder indem sie ihn gefangen setzten, noch indem sie ihn töteten.

Die zweite Lesung ist wie ein Testament des Apostels Paulus. Er hat wohl seinen nahe bevorstehenden Tod geahnt, wenn er schreibt: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten. … Der Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung vollendet wird und alle Heiden sie hören; und so wurde ich dem Rachen des Löwen entrissen.“ Auch die zu erwartende Hinrichtung hinderte ihn nicht, sich als Sieger zu sehen, denn es war gelungen, dass er den Heidenvölkern das Evangelium verkünden konnte.

Das „Markenzeichen“ der Kirche

Petrus und Paulus waren nicht Menschen, die sich von Natur aus verstanden; was sie zusammenführt, ist nicht die Sympathie oder das Blut, sondern eins sind sie geworden in ihrem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus. Anders geht es nicht. Denn wo wäre die Kraft des Evangeliums, wenn es nur die zusammenführen könnte, die sich ohnehin schon verstehen? Kirche gibt es nur dort, wo die Gegensätze zueinander finden. Eine gute Familie, ein Freundeskreis oder eine Dorfgemeinschaft zeigt noch nichts vom Evangelium.

Heute Petrus und Paulus zu feiern heißt, sich erinnern an den Ursprung der Kirche, ihr dieses Leben zurückgeben, wo Versöhnung sogar mit einem Todfeind möglich ist, wo alle Gegensätze überwunden werden können.

Es ist wirklich angemessen, dass wir ihr Fest in Unfriedshausen feiern, einem Ort, dessen Name davon spricht, dass sich Menschen nicht verstanden haben. Das Fest dieser beiden, Petrus und Paulus, spricht von der Kraft, die von der Kirche ausgehen könnte, auch heute, gerade angesichts von so viel Spaltung, Unfriede und Kriegen, gerade wieder in diesen Tagen. Die menschlichen Schwächen sind für Gott keine Grenze, kein Hindernis, damals nicht und auch heute nicht. Er kann auch sie verwenden, dienstbar machen, in dem Maße die Kirche, die Gemeinden, wir diesen Glauben teilen und daraus leben.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf, Unfriedshausen