Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 45

A. Der Pentateuch, die fünf Bücher Mose (von Tamás Czopf)
B. Bedenkt, was ihr empfangen habt (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen des 15. Sonntags im Jahreskreis C: Deuteronomium 30,10-14; Kolosserbrief 1,15-20; Lukasevangelium 10,25-37.)

A. Der Pentateuch, die fünf Bücher Mose

Den fünf Büchern Mose kommt im AT eine ähnlich hervorgehobene Stellung zu wie den vier Evangelien im NT. Das Buch Deuteronomium – das letzte und jüngste der fünf Bücher – enthält eine sehr durchdachte Theologie und eine durch lange Erfahrung abgeklärte Sicht auf die Geschichte des Gottesvolkes. Unsere Lesung stammt aus dem 30. Kapitel, der letzten großen Rede des Mose kurz vor seinem Tod. Dem Volk werden die Eckpunkte des Bundes dargelegt:
das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk, die Aufgabe jedes Einzelnen, die Gefahren und Bedrohungen, die Verheißungen und Vorteile des Glaubens und der Erwählung.

Der Herr wird Gutes tun

Das Herz des Ganzen bildet das enge, gegenseitige Verhältnis zwischen Gott und Israel, das im Hauptgebot der Liebe zum Ausdruck kommt. Dieses Gebot zitiert im Evangelium von heute der Gesetzeslehrer in der Doppelform: Liebe Gott aus ganzem Herzen und liebe die Nächsten wie dich selbst. Mehr als dieses Gebot kann und will auch Jesus nicht verkünden, es reicht, um das Himmelreich zu erlangen. Es umfasst nämlich die Ausrichtung des gesamten irdischen Lebens auf das ewig Gültige und Wahre.
„Der Herr wird dir Gutes tun“ – so beginnt unsere Lesung, und dies ist der Wunsch und die Sehnsucht jedes Menschen: dass unser Leben gut wird. Aber es ist allzu vieles nicht gut, sogar ganz schlecht – sowohl im eigenen Leben wie auch in der Geschichte, auch in unserer aktuellen Zeitgeschichte. Wie kann also Gott uns Gutes tun, warum gelingt es zu oft nicht; was sind die Voraussetzungen und was verhindert Gottes gute Taten?
Der Zusammenhang der Textstelle aus dem 5. Buch Mose ist folgender: Dem Volk wird an der Schwelle des Gelobten Landes noch am Rand der Wüste der Bund mit klaren Worten angeboten: „Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor.“ (Dtn 30,15) Und es werden auch die Folgen der Entscheidung geschildert. Dabei wird prophezeit, dass das Volk Israel, wenn es sich nicht daran hält, zerstreut und versklavt wird und in die Verbannung gehen muss.
Als das Buch Deuteronomium  geschrieben wurde, war dieser Zustand schon eingetreten. Dieser Text liefert also die Deutung der gegenwärtigen Situation, warum die Katastrophe passieren konnte.
So ähnlich, wie wenn wir uns heute fragen würden, was haben wir falsch gemacht, dass die Kriege nicht verschwinden wollen. Israel war gewohnt, die Schuld nicht sofort bei den anderen zu suchen, sondern zuerst bei sich, und das fand massiven Niederschlag in den Schriften der Bibel.

Lässt sich das Böse, lassen sich Krieg und Streit vermeiden?

Aber das ist nicht alles, in unserer Stelle geht es gerade darum, wie man solche Katastrophen vermeiden kann bzw. um die Überzeugung, dass es auch aus solchen Lagen einen Ausweg gibt, nämlich durch Umkehr, durch Rückkehr zu den Geboten. Gott hat nicht das geringste Interesse an Bestrafung und Unglück, er ist immer bereit, sein Volk zu sammeln und wieder neu zu beginnen.
Einige Verse vorher lesen wir z.B. den erstaunlichen Satz: „Und wenn einige von dir bis ans Ende des Himmels versprengt sind, wird dich der HERR, dein Gott, von dort zusammenführen, von dort wird er dich holen.“ (Dtn 30,4) Es klingt schon das Bild des verlorenen Schafes an. Die Sammlung und die Suche nach jedem Einzelnen ist Gottes wichtigste Leidenschaft und die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Gebote gehalten werden können.
Aber was muss das Volk und der Einzelne tun, damit Gott ihm Gutes tun kann, damit das Leben und nicht der Tod, das Glück und nicht das Unglück vorherrscht? Ist das überhaupt zu schaffen?

Offenbar gab es damals schon Bedenken und Ängste, ob es dem Menschen überhaupt möglich ist, auf die Stimme Gottes zu hören, seine Gebote zu bewahren, sich ganz hinzugeben, ganz zu lieben, wovon hier die Rede ist.

Die Bibel als vertrautes Buch, „by heart“

Deshalb betont Mose ausführlich: Dieses Gebot, das zum guten, geglückten Leben führt, „geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir“. Und das wird noch weiter ausgeführt: diese Weisung sei nicht im Himmel, sodass du hinaufsteigen müsstest, noch jenseits des Meeres, dass man hinüberfahren müsste. D.h. du musst nicht ein himmlisches Wesen sein, kein Engel, um das Gebot halten zu können, noch brauchst du darauf zu warten, dass eine andere höhere Kultur von einem anderen Kontinent die Lösung liefert. Sondern es ist „in deinem Mund und in deinem Herzen“ – heißt es.
Hier klingt erneut jüdisches Denken an: Zuerst muss es in deinem Mund sein, d.h. du musst das Gesetz, die Schrift lesen. Damals las man laut mit dem Mund, nicht nur mit den Augen; man muss es sich dauernd laut oder leise vorsagen, damit es eine Chance hat, ins Herz zu gehen. Das Gesetz im Herzen zu tragen, hat die Nebenbedeutung, die der englische Ausdruck „by heart“ – für ‚auswendig‘ – beinhaltet. Die Bibel darf kein fernes, fremdes Buch mit sieben Siegeln sein, sondern etwas, was uns allein schon vom Text her vertraut ist; – das Verstehen wird dann durch das Leben selbst wachsen.
„Im Herzen“ heißt freilich auch, dass das Gesetz Gottes zu unserem Herzen passt, es letztlich unserem Lebensdurst und unseren tiefen Sehnsüchten entspricht, die uns als Geschöpfe Gottes antreiben, auch wenn es nicht immer unserem aktuellen „Herzenswunsch“ entspricht.

Das Geheimnis des Wörtchens „ganz“

Und das alles muss man offensichtlich betonen. Denn man könnte vor dem Gesetz zunächst Angst bekommen, enthält doch dieses Gebot ein kleines Wort, das uns leicht Furcht einjagen kann, ja eigentlich beängstigen muss. Nämlich das Wort „ganz“: Du sollst zum Herrn „mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele“ zurückkehren und Gott „mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken“ lieben.
Ist das möglich? Wer schafft das?
Kein Wunder, dass Mose die Israeliten trösten und die Leichtigkeit des Gesetzes betonen muss.

Wenn man nachdenkt und beginnt, sein Herz auszuloten, die Leidenschaften abzuwiegen und zu vergleichen, ob ich mit ganzer oder nur halber Seele dabei bin, kommt man in Teufels Küche. Das hier gemeinte GANZ ist nämlich keine Bedingung, die wir erst einmal erfüllen müssen, damit es losgeht oder weitergeht; es ist aber auch nicht ein messbares und berechenbares Ziel, das wir bis zu einem bestimmten Termin erreichen werden. Es ist viel mehr das reine und unverfälschte Maß, und das sowohl von Gott her als auch von unserer gottgeschaffenen Natur her.

Dieses ganze Maß sollen wir ständig anstreben und dürfen nie darunter gehen. Dass man sich richtig ausstreckt, ist entscheidend, dass wir unsere Absichten nicht gleich auf Halbmast senken und sofort Kompromisse suchen. Auch wenn wir uns auf die Realität unseres Lebens vielleicht nie etwas einbilden können, die Richtung muss stimmen. Das „ganze Herz“ steht also nicht am Anfang, sondern am Ende. Es ist nicht messbar, nur erstreb-bar und äußerst erstrebenswert. Es ist nicht unsere Leistung, sondern Gottes Werk. „Du kannst es halten“ – beendet Mose die Stelle – es ist dir möglich, heilig zu sein, Gott zur Hand zu gehen, seine Stimme zu hören – oder wie der Mensch im Evangelium formuliert: „das ewige Leben zu erben.“

© Dr. Tamás, Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Bedenkt, was ihr empfangen habt

Dieses Gleichnis vom Barmherzigen Samariter gehört zu den bekanntesten Stellen in der Bibel und stößt gleichzeitig kaum auf Widerspruch: die tätige Nächstenliebe als Kernstück des Christlichen, sogar bereits des Jüdischen, und dazu noch mit einem sympathischen Seitenhieb gegen Priester und Kleriker.
Die Hilfsbereitschaft ist längst ein humanes Allgemeingut geworden, in die Gesetze vieler Staaten eingegangen, die für unterlassene Hilfeleistung sogar empfindliche Strafen vorsehen, und das weltliche Gegenstück zur Caritas hat sich in Anknüpfung an das Evangelium den Namen „Arbeiter-Samariter-Bund“ gegeben. Man fragt sich nur, warum die Welt dann nicht längst ein Paradies ist, wenn diese Lehre Jesu so populär ist.

Die Bibel verstehen aus biblischen und heutigen Zusammenhangen

Das Evangelium steht nie für sich allein da. Die Kirche hat es wie an jedem Sonntag in einen Zusammenhang mit zwei weiteren Texten gestellt.
Da ist die Lesung aus dem Buch Deuteronomium mit den Kernsätzen: „Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. (…) Es ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“, was unsere anfänglichen Gedanken zu bestätigen scheint.

Das Evangelium steht nicht nur in dem Textzusammenhang des 15. Sonntags im Jahreskreis; es steht auch in einem aktuellen Zusammenhang an diesem Sonntag im Jahr 2022.
Da hatten wir gestern in unserer Pfarreiengemeinschaft eine Taufe. Die Eltern hatten sich für das Evangelium entschieden, wo Jesus den Auftrag gibt: „Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ Das brachte mich zu Überlegungen, wie wir diesen Auftrag verstehen sollen, „lehrt sie, alles zu befolgen“, wenn es doch schon „in deinem Herzen ist“, wie ja heute viele denken: Jeder wisse in seinem Herzen, was für ihn gut ist. Aber es ist nicht schon durch die Gene, die jeder von seinen Eltern mit­bekommen hat, in seinem Herzen, sondern es ist jetzt eine entscheidende Aufgabe der Kirche, der Mitglaubenden in der Gemeinde, der Eltern und Paten des Täuflings, dafür zu sorgen, dass das Wort Gottes, seine Gebote dort eingepflanzt werden, wo sich aus unserer – erbsündigen, nennt es die Kirche – Tradition bereits ein anderes Gesetz breit gemacht hat, das Gesetz, an erster Stelle uns selber zu lieben und die, die uns lieb sind.

Der Nächste ist „dir gleich“

Jetzt haben ganz schlaue Ausleger das Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ so gedeutet, dass man auch und zuerst einmal sich selbst lieben solle. Aber das gibt der Text im Original nicht her, nur die deutsche Übersetzung. Martin Buber, der versucht hat, die Bibel ganz nah am Hebräischen zu übersetzen, übersetzt hier: „Halte lieb deinen Genossen, dir gleich.“ „Dir gleich“, was heißt das? Man müsste ergänzen: „denn er ist dir gleich“, in der gleichen Lage, in der du doch warst. Das ist etwas anderes als „lieben wie dich selbst“.

„Er ist dir gleich“, wovon ist da die Rede? Das wird an einem Aspekt des Gleichnisses deutlich, der heute gerne hervorgehoben wird, wo es um das Verhalten gegenüber Fremden geht.
Ein antiker Schriftsteller hat da eine genaue Rangfolge der Verpflichtungen aufgestellt. Da bin zuerst ich, dann kommen die Volksgenossen, dann kommen als nächste die Beisassen, die Zugereisten, dann kommen die persönlichen Feinde und die Feinde im Ausland. Oder auf heutige Verhältnisse übertragen: Zuerst sollen wir Menschen von uns helfen, die in Not sind, dann Europäern, den Ukrainern, dann Syrern, zuerst den Katholiken, dann den Orthodoxen, dann den Muslimen. Sehen es nicht viele so?

Dagegen heißt es schon in der Tora Israels: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.“ Es geht also nicht um einen Appell an unsere edle Großzügigkeit, sondern wir sollen an die Vorleistung denken, die wir bereits empfangen haben, an unseren eigenen Migrationshintergrund, denn wir wurden in der Taufe dem Volk hinzugefügt, das mit Jakob in der Hungersnot als Wirtschaftsmigranten nach Ägypten gezogen war, das dort später unter Diskriminierung und Unterdrückung zu leiden hatte und von dort geflohen, von Gott mit starker Hand herausgeführt worden ist.
Deshalb: „Du sollst deinen Nächsten, den Fremden lieben, denn er ist dir gleich.“

„Dir gleich“ im biblischen Verständnis

Wie fremd uns, selbst Liturgiekommissionen dieses Denken geworden ist, zeigt entlarvend die Geschichte der Übersetzungen. Im Buch Deuteronomium heißt es im vorhergehenden Satz: „Der HERR wird sich, wie er sich an deinen Vätern gefreut hat, auch an dir wieder freuen. Er wird dir Gutes tun. Denn du hörst auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, und bewahrst seine Gebote und Satzungen und kehrst zum HERRN, deinem Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurück.“
Die Lesung nach der alten Einheitsübersetzung begann: „Du sollst auf die Stimme des Herrn, deines Gottes hören und auf seine Gebote und Satzungen achten.“ Da war aus der Rede über die Freude Gottes, wenn das Volk wieder umkehrt zu seiner ersten Liebe und Leidenschaft, auf einmal Moral geworden. „Du sollst … !“  Aber die Tora, wo wir oft sagen „das Gesetz“, ist immer zuerst eine Erzählung von dem, was Gott schon getan hat, und von der Freude Gottes.
In der Lesung nach der neuen Einheitsübersetzung, wurde die Stelle verbessert; da beginnt es jetzt: „Der HERR wird dir Gutes tun.“ Davon soll der Mensch mitgerissen werden, von dem, was von Gott her in die Welt gekommen ist; das kann den Menschen in die Lage bringen, selber das Neue der Liebe zu tun.

In diesem Sinne hat Augustinus in seiner Auslegung des Gleichnisses in Christus den hilfreichen Samaritaner gesehen, der uns Menschen zu Hilfe kommt. Er schreibt wörtlich: „Da wird also Christus, der Sohn Gottes, unser Nächster, der uns hilft, die wir von der Sünde verwundet sind. Wegen unserer Verwundung hat sogar Gott, unser Herr, unser Nächster heißen wollen, denn der Herr Jesus Christus wurde uns zum Samaritaner.“ Da ist dann die Frage nicht mehr: Was ist von uns verlangt, dass wir es tun müssen, welches Maß an Uneigennützigkeit? Sondern an uns geschieht etwas. Auf die Weise kommt es dazu, dass „das Wort ganz nah bei dir ist, in deinem Mund und in deinem Herzen; du kannst es halten.“

Dass Gott sich schon als treu erwiesen hat

Die Vorschriften in der Tora knüpfen immer an die Erfahrung Israels an, dass Gott sich schon als treu erwiesen hat.

Wo können wir, wo kann das gestern getaufte Kind diese Erfahrung machen, so dass sie in sein Herz kommt? Da hören wir vom Apostel Paulus: „Christus ist das Haupt, der Leib ist die Kirche.“ Die Kirche ist also der Leib Christi, an dem wir ihm begegnen, ihn erfahren können. Aber dieser Leib ist entstellt, verwundet von uns, die wir ihn für unsere Bedürfnisse benutzt und halbtot liegengelassen haben. Wir sind da die Räuber, so hat es schon Ambrosius in seiner Auslegung des Gleichnisses gesehen. Und jetzt tritt Christus mit der unglaublichen Anfrage an uns heran, ob wir nicht die Seiten wechseln wollen von Räubern zu Pflegern in seiner Nachfolge.

Nächstenliebe heißt also, aus Dank und aus Freude über die empfangene Barmherzigkeit Gottes diese beantworten und sie weiter geben. Dazu sind wir versammelt. „Eucharistie“ heißt ja Danksagung.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf