Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 46

Hörer des Wortes

Vor drei Jahren an diesem 16. Sonntag im Jahreskreis hatte ich auch hier mit Ihnen die Messe gefeiert und habe da zur Auslegung des Evangeliums aus dem Brief von Papst Franziskus „An das ganze pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ zitiert. Vielleicht erinnern Sie sich. Dieser Brief wurde weitgehend nicht aufgenommen, nicht in den Diskussionen des „Synodalen Weges“, nicht in unserem Pastoralrat; hier wurde gesagt, die Sprache sei etwas schwierig, man könne ja einen Workshop machen für solche, die das interessiert.

Die Not Jesu, die Not der Kirche

Da ist, jedenfalls aus dem Anlass dieses Briefes, keine Frucht erwachsen für die Sache, für die Jesus gelebt und sein Leben gelassen hat.
Die Kirche ist inzwischen in immer größere Not geraten. Paulus schreibt, er habe zu ergänzen, „was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt“.

Aber ich möchte von einer wie unbedeutend erscheinenden Begebenheit erzählen, da ist in der Folge dieses Evangeliums etwas weitergegangen, und daran möchte ich Sie heute Anteil nehmen lassen. Vor zwei Jahren hatten wir ja in der Pandemie-Lage eine Art Online-Firmkurs. Da schrieb mir eine der Firmkandidatinnen: „Als ich letztens den Text mit Jesus, Maria und Martha gelesen habe, ist mir die Textstelle in der Bibel eingefallen, in der Jesus von einer langen Reise zu Martha und Maria kommt und Martha Essen für ihn macht und Maria sich vor ihn setzt und ihm zuhört. Meine Frage wäre: Warum hat Jesus Martha ‚abgewiesen‘ und gesagt, dass Maria alles richtig gemacht hat? Diese Frage schwirrt schon etwas länger in meinem Kopf herum.“

Ein Beispiel, von ganz woanders her

Daraufhin habe ich ihr in meiner Antwort eine Begebenheit in meiner Zeit in Tansania erzählt, in der ganz kleinen, aber sehr lebendigen Gemeinde Makandika, nicht viel größer als unser Ort hier, mit einer sehr engagierten jungen Gemeindeleiterin, Lea. Diese war mehrmals zu mir ins Pfarrhaus gekommen, ca. 3-4 Stunden Fußweg, um zu bitten, ob nicht jeden Monat bei ihnen eine Messe sein könnte. Das war natürlich bei 34 Gemeinden nicht möglich, aber ich habe dann bei der Monatsplanung gesagt, diese Gemeinde, in der es allen so wichtig ist, müssen wir als erste berücksichtigen.

Als ich dann das nächste Mal zur Messe dorthin kam, begrüßte mich die Gemeinde­leiterin Lea freundlich, dann ging sie und war bei der Messe nicht dabei. Nach der Messe brachte sie dann das Essen. Es ist dort üblich, dass, wenn der Priester zur Messe kommt, es danach ein Essen gibt, wo er eingeladen ist. Das Essen war sehr gut.

Ich habe es gelobt und dann Lea gefragt, warum sie denn nicht bei der Messe dabei war. Sie sagte, sie musste doch das Essen kochen. Ich habe dann vorsichtig angemerkt: Das Essen war ja wirklich sehr gut. Aber dass sie deswegen nicht an der Messe teilnehmen konnte, finde ich auch schade. Vielleicht können sie ja einmal überlegen, ob sie nicht das nächste Mal doch eine Möglichkeit finden, dass die Gemeindeleiterin an der Messe teilnehmen kann, vielleicht mit einem einfacheren Essen danach. Ich war mir nicht sicher, wird sie es verstehen, nicht beleidigt sein, dass ich ihr Essen nicht genug schätze, denn es ist dort Ehrensache, dass man dem Gast das Beste auftischt, was man zu bieten hat.

Als ich das nächste Mal wieder nach Makandika kam, war Lea bei der Messe dabei, und danach gab es nicht Reis mit Huhn, sondern Tee und Maandazi, ein schönes in Fett gebackenes Gebäck, ähnlich wie Krapfen, was man am Tag vorher backen kann. Da habe ich mich riesig gefreut und auch laut gesagt, wie sehr ich mich darüber freue, wie sie meine leise Anregung aufgegriffen und sich eine so gute Lösung haben einfallen lassen.

Ich glaube, so etwas hätte sich auch Jesus bei Martha und Maria gewünscht. Vielleicht hätte er gern zu Martha gesagt: Jetzt setz dich doch zuerst einmal her und lass uns ein wenig reden. Aber sie konnte überhaupt nicht hinhören, war so beschäftigt mit dem, was sie glaubte, für ihren Gast tun zu müssen, und schimpfte dann noch vor dem Gast über ihre Schwester Maria. Jesus konnte zu Martha nur mit einem tiefen Seufzer sagen: Martha, Martha, wie kann ich es dir sagen, dass du mich verstehen kannst?

„Kannst Du jetzt etwas verstehen“, habe ich unserer Firmkandidatin geschrieben, und vielleicht können Sie jetzt auch besser verstehen, worum es Jesus da ging, und was das Problem der Martha war.

Dass jemand hinhören kann, ist alles andere als selbstverständlich. Oft sind wir ganz besetzt von dem, wo wir meinen, dass es jetzt ganz wichtig ist, und können dann gar nichts anderes mehr hören. Dass die Leute in Makandika meine leise Anregung hören und aufgreifen konnten, damit konnte ich nicht rechnen. Es hätte mir auch gehen können wir Jesus mit Martha. Umso größer war die Freude, dass es dort einmal gelungen ist. Martha ist kein böser Mensch; das sagt auch Jesus nicht. Sie ist, wie wohl die meisten von uns, wo Jesus oft nur seufzen kann: Martha, Martha, wie soll ich es dir sagen?

Dieses Mädchen, das damals gefragt hat: Für sie ist etwas weitergegangen, eine Türe zum Verstehen hat sich geöffnet, das Mädchen hat inzwischen das Sakrament der Firmung empfangen. Wird das bleiben? Es ist weiter eine offene, spannende Frage.

Die Not Abrahams: Kinder zu bekommen, die seinen Glauben teilen

An Abraham erging die Verheißung: „In einem Jahr komme ich wieder, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“ Denn Abraham hatte keinen Sohn und er war 100 Jahre alt. Da kann es also nicht um die Frage der biologischen Nachkommenschaft gehen; dafür hatte ein Nomadenscheich der damaligen Zeit mit seinen vielen Frauen auch andere Möglichkeiten und die hatte Abraham ja mit Hagar auch schon ergriffen. Die Not des Abraham war, Kinder zu bekommen, die seinen neuen Glauben an den wahren, lebendigen Gott übernehmen und weitertragen. Das ist so unwahrscheinlich, wie dass ein 100-jähriger Greis und eine 100-jährige Frau ein Kind bekommen. – ‚In einem Jahr komme ich wieder, dann wird diese Gemeinde eine Tochter haben.‘ Sara konnte darüber nur lachen, und es ist heute immer noch so unwahrscheinlich wie damals. Abraham glaubte der Verheißung, setzte darauf, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet, heißt es als Resümee im Hebräerbrief. Setzen wir darauf? Was das dann bedeutet, können wir daran sehen, wie die Geschichte mit Abraham und Isaak weiterging: Die Herausforderung wurde für ihn und ist auch heute riesig. Aber es ist einmal geglückt, sonst wären wir jetzt nicht hier. Wir dürfen darauf setzen und hinhören und das Nötige tun.

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An einem anderen Ort in der Pfarreiengemeinschaft hatte Dr. Wierzejewski an dem Sonntag auch das Fest einer Skapulierbruderschaft 1 zu feiern.Dabei kam ein weiterer Aspekt ins Blickfeld, der nachfolgend wiedergegeben ist.

Ein lebendiger Kern

Neben dem Zusammenhang der Texte, wie sie die Kirche uns vorstellt, ergibt sich ein aktueller Zusammenhang mit dem Skapulierbruderschaftsfest.
Da ist in einem Artikel, auf den auf der Homepage der Pfarreiengemeinschaft verwiesen wird, zu lesen: „In der heutigen Zeit ist die Bruderschaft nicht unumstritten und stößt bisweilen als nicht mehr zeitgemäß auf Kritik. Dennoch ist das Skapulierbruderschaftsfest eine feste Institution und wird es sicher auch bleiben.“ Das macht es fast noch vordringlicher, sich damit auseinanderzusetzen. Aber die Frage des Skapulierbruderschaftsfestes führt uns doch auch zu den Texten dieses Sonntags.

Wie wird es weitergehen mit der Kirche? Weitergehen in der nächsten Generation?

Die Spitze der ersten Lesung, auf die die lange Erzählung hinführt, ist ja die Ver­heißung an Abraham: „In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben.“ … Die Not des Abraham war, Kinder zu bekommen, die seinen neuen Glauben an den wahren, lebendigen Gott übernehmen und weitertragen. Das ist so unwahrscheinlich, wie dass ein 100-jähriger Greis und eine 100-jährige Frau ein Kind bekommen.

Und ist das nicht auch unsere Situation? Wie wird es weitergehen mit der Kirche in einer zunehmend neuheidnischen Gesellschaft? Wird der Glaube weitergegeben an die nächste Generation? Wird es eine solche Generation geben? Wird der Glaube hier bei uns Söhne und Töchter haben, die noch einmal glauben, den Faden zur Kirche gewinnen, oder Enkelkinder, die ihn noch einmal aufnehmen, wo er bei den Eltern vielleicht schon fast abgerissen war?

Das ist nicht durch feste Institutionen zu erreichen, nicht durch einfach Weiterführen traditioneller Bräuche. Für Abraham begann die Geschichte damit, dass er das alles erst einmal hinter sich lassen musste: „Geh fort aus deinem Land, aus deiner Ver­wandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde!“ (Gen 12,1). Das Neue, das ihm dann begegnete, an die nächste Generation weiterzugeben, gelingt auch nicht mit Hilfe neuester Methoden der Religionspädagogik und mit tollen Freizeitangeboten.

In Teilen Ostdeutschlands gibt es nur noch ca. 5% Katholiken. Der inzwischen emeritierte Bischof Wanke von Erfurt war dafür bekannt, wie er auf die Situation mit niederschwelligen Angeboten für Kirchenferne reagierte. An Weihnachten hielt er im Dom statt der Christmette eine Weihnachtsfeier für Nichtglaubende; eine Christmette für die paar Katholiken wurde in einer naheliegenden kleinen Kirche gefeiert. Ich hatte einmal die Gelegenheit, Bischof Wanke persönlich zu treffen, und habe ihn nach seinen Erfahrungen gefragt. Seine Antwort war sehr interessant: Er sagte, an erster Stelle stehen nicht die niederschwelligen Angebote für die Kirchenfernen; Voraussetzung für alles sind lebendige Kerne in den Gemeinden; damit steht und fällt alles. Lebendige Kerne, so etwas sollten doch die Bruderschaften sein.

Und was die aktuelle Not angeht, brauchen wir gar nicht in die Diaspora Ostdeutschlands zu schauen. Vor kurzem hatte ich eine Frau zu beerdigen, Russland-Deutsche, die Ende der 80er Jahre nach Deutschland übersiedeln konnten. Die Tochter sagte mir schon, sie hätten hier kaum Kontakt. Die Kirche war voll, aber fast alle waren sichtlich fremd in der Kirche, konnten kaum etwas mitsingen. Einer, nicht aus unserem Ort, sprach mich hinterher an; ihm war das selber ganz peinlich. Er erklärte mir, sie kannten nur die Untergrundkirche in der damaligen Sowjetunion, wo sie sich nur heimlich zum Gebet treffen konnten. Aber jetzt leben sie schon über 30 Jahre hier und konnten offensichtlich nichts entdecken in unseren Gemeinden, was sie hätte veranlassen können, sich da anzuschließen – lebendige Kerne?

Da ist noch Luft nach oben

Ein Bruderschaftsfest im Jahr reicht da nicht. Es ist ja interessant: In dem, was über die Skapulierbruderschaft zu lesen ist, ist von Verheißung die Rede für diejenigen, die bei ihrem Tod mit dem Skapulier bekleidet sind. Was ist damit gemeint? Niemand weiß ja, wann er sterben wird, so dass er es dann schnell anlegen könnte. Gemeint sind die, die immer das Skapulier tragen, und das ist ja nur ein Zeichen dafür, dass sie ihr ganzes Leben, jeden Tag von dem prägen lassen, wofür das Skapulier steht, einer Lebensweise als Christen, die dann auch Fernstehende anziehen und unsere Jugendlichen herausfordern könnte.

Die Bruderschaft stoße als nicht mehr zeitgemäß auf Kritik, hieß es. Nein, sie könnte Teil einer Antwort auf die Not gerade dieser Zeit sein in der Art, wie Bischof Wanke es angedeutet hat. Statt der etwas ratlos-negativen Charakterisierung „umstritten, vielleicht nicht mehr zeitgemäß“ würde ich eher den schönen Ausdruck verwenden, den man heute öfter hört: Da ist noch Luft nach oben.

„In einem Jahr komme ich wieder, dann wird diese Gemeinde Söhne und Töchter haben“, dürfen wir heute als Verheißung hören. Sara konnte darüber nur lachen, und es ist heute immer noch so unwahrscheinlich wie damals. Aber es ist einmal geglückt, sonst wären wir jetzt nicht hier.

Und es ist noch einmal geglückt; davon spricht das Fest, aus dem das Skapulierbruderschaftsfest, das es ja in der Liturgie der Kirche gar nicht gibt, hervorgegangen ist, es ist ein Marienfest, „Gedenktag unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel“. Deshalb singt der Chor auch Marienlieder. Maria hat auch zuerst wie Sara ungläubig gefragt: „Wie soll das geschehen?“, aber dann zu der Antwort gefunden: „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ – die fast notwendige Ergänzung zu diesem Sonntag. So hat sich im 12. Jahrhundert am Berg Karmel eine Ordensgemeinschaft zur Verehrung der Gottesmutter Maria gesammelt und sie hatte eine solche Ausstrahlung auch auf Menschen, die nicht die Berufung zum Ordensleben hatten, dass um sie herum dann Bruderschaften, die Skapulierbruderschaften, entstanden sind von Menschen, die auch auf die Verheißung setzen wollten, gesetzt haben – auch hier bei uns in diesem Dorf. Sie haben sich gehalten bis heute und – es ist noch Luft nach oben.

Genesis 18,1-10; Kolosserbrief 1,24-28; Lukasevangelium 10,38-42;
16. Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf


1 Die Skapulierbruderschaft unserer Lieben Frau auf dem Berge Karmel ist eine Gründung des Karmelitenordens aus dem 13. Jahrhundert für gläubige Laien. Der Überlieferung nach soll am 16. Juli 1251 Maria dem Karmeliten Simon Stock in Cambridge erschienen sein und ihm dabei ein Skapulier (vom lat. Wort scapularium = Schultergewand) überreicht und versprochen haben, dass sie die Mitglieder der Skapulierbruderschaft unter ihren besonderen Schutz stelle. Solche Bruderschaftsgruppen gibt es auch in anderen Orten.