Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 47

A. Gebet im Jüdischen und Christlichen (von Tamás Czopf)
B. Ein eigener Sonntag des Gebetes? (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen des 17. Sonntags im Jahreskreis C: Genesis 18,20-32; Kolosserbrief 2,12-14; Lukasevangelium 11,1-13.)

A. Gebet im Jüdischen und Christlichen

Lesung und Evangelium des heutigen Sonntags haben ein gemeinsames Thema: das Gebet, vornehmlich das Bittgebet. Gebet ist aber hier nicht bloß eine unter vielen Tätigkeiten eines Gläubigen, wo man fragen könnte: Wie erledigt man diese „Arbeit“ sinnvoll, sondern das Zentrum des Glaubens, denn es spiegelt das Herz, und damit das Verhältnis zu Gott wider. Die Texte reflektieren das Verhältnis zwischen Mensch und Gott, zwischen dem Volk Israel als Gottesvolk und seinem Gott.

Ringendes Zwiegespräch mit einem Vertrauten

Ich möchte in vier Punkten dem nachgehen, wie hier Gebet gesehen wird, sich ereignet, „funktioniert“, wenn man dieses Wort verwenden darf: Was ist Gebet im Judentum und Christentum?

1. Zunächst fällt auf, dass Gebet oder Fürbitte in diesen Erzählungen ein Gespräch ist. Der Beter stellt nicht einen Antrag, der in einem himmlischen Büro bearbeitet oder nicht bearbeitet wird, sondern er spricht, diskutiert, ringt mit Gott in einem Zwiegespräch. Dazu braucht es Zeit, die Kenntnis der Hl. Schrift und Ehrlichkeit vor sich und vor Gott. Und dieses Gespräch ist ausführlich, angstfrei und entschlossen; zugewandt, aber nicht untertänig – fast könnte man sagen auf Augenhöhe, d.h. partnerschaftlich.

2. Damit hängt das zweite zusammen, was beim Gebet entscheidend ist. Mein Gebet, wie und worum ich bete, hängt mit meinem Gottesbild zusammen. Abraham rechnet mit einem guten und gerechten Gott, deswegen traut er sich unverfroren mit Gott zu handeln, und Gott lässt mit sich reden; ja man hat den Eindruck, er wartet geradezu darauf, dass Abraham mit ihm handelt.

Auch der Vater im Vaterunser ist eine solche vertrauenswürdige, nahe Person und bereit zu helfen. Ebenso traut sich der Freund im Gleichnis Jesu, penetrant zu sein, weil er einen Freund bittet, nicht eine Behörde oder eine Wohltätigkeitsorganisation. Das Gebet als Dialog ist adressiert an einen liebenden Vater oder Freund; daher ist es unbeschwert und unbesorgt, vertrauensvoll und zuversichtlich.

Gott und der Betende teilen das gleiche Anliegen

3. Ein weiterer, vielleicht der wichtigste Schlüssel des jüdischen und christlichen Gebetes ist die Übereinstimmung von zwei Anliegen: dem Anliegen Gottes und dem des Betenden. Das setzt allerdings voraus, dass ich weiß, was Gott vorhat und umgekehrt. Allerdings scheint es in der Erzählung aus dem Buch Genesis gerade anders zu sein: Gott will Sodom und Gomorra vernichten, Abraham will sie retten. Aber das ist in unserem Fall gar kein Gegensatz, sondern es sind eher zwei Pole, zwischen denen sich der Dialog erst entfalten kann: Gott steigt hinunter, um zu prüfen, ob das Klagegeschrei über die schwere Sünde aus diesen Städten stimmt, er will gerade nicht willkürlich und leichtsinnig vernichten. Zwei Verse vor unserem Lesungsabschnitt steht, wie Gott in sich geht und nachdenkt: „Da sagte der HERR: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich tun will? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen.“ (Gen 18,17f). Dass Gott Gutes will, ist Abraham klar, und als Gerechter will er das auch.

Man kann religionsgeschichtlich vermuten, dass sich in dieser Geschichte Abraham stellvertretend für das gläubige Judentum vergewissert, dass Gott nicht willkürlich handelt und dass seine Gerechtigkeit nicht hinter der menschlichen Gerechtigkeit zurückbleiben kann. Allerdings kann auch die zerstörerische Bosheit des Menschen von Gott nicht gedeckt werden, wie jedes Tun hat sie ja Folgen. Sodom und Gomorra richten sich selber zugrunde. Auch wenn diese Geschichte letztlich nicht gut ausgeht, weil die zehn Gerechten schließlich nicht gefunden werden, klingt darin bereits das an, was Jesus im Gleichnis vom Unkraut und Weizen formuliert: Es ist nicht möglich, das Gute vom Schlechten säuberlich zu trennen, und vor allem ist eine solche Säuberung, auch wenn es wünschenswert wäre, nicht Aufgabe des Menschen.

Auch die Bitten im Vaterunser sind Anliegen, die mit Gottes Herzensanliegen übereinstimmen. Die Übereinstimmung der Herzensanliegen von Gott und Mensch macht das Gebet wirksam.

Kein Gebet ist ins Leere, in völliges Dunkel gesprochen

4. Schließlich gibt es noch etwas, was m. E. von dieser Art gläubiger Fürbitte nicht wegzudenken ist: Wenn man betet und bittet, ist immer schon etwas da; man startet nie bei Null, man ruft nie ins ganz Dunkle hinein.

Erstens gibt es das Vertrauensverhältnis zu einem Freund, der helfen kann und helfen wird, das Vertrauen zum Vater. Es gibt aber immer auch einige Gerechte oder ein Brot beim Freund, etwas, wo Gott ansetzen kann. Wir sind weder im Gebet noch in der Geschichte der Gnade Gottes Anfänger. Dadurch ist es nie ganz aussichtslos; so gesehen ist keine Bitte zu groß, zu unverschämt und überflüssig.

Vor dem Hintergrund des Gesagten kann man vielleicht auch folgende große Frage leichter beantworten: Warum wird ein Gebet so oft nicht erhört? Wurde Abraham erhört oder nicht? Sodom ist untergegangen, aber die Familie Lots wurde gerettet.

Die erste Antwort lautet: Ein Gebet wird immer erhört.
Aber nicht jede Bitte wird von Gott erfüllt, zumindest nicht so, wie es sich der oder die Bittende wünscht.
Warum wird aber nicht jede Bitte erfüllt, wenn Gott ein Freund, Vater, ein Liebender und Sorgender ist?
Das kann – nach dem oben Gesagten – drei Gründe haben:

  • Der erste Mangel ist oft bereits, dass wir unsere Bitten nicht aussprechen; wir genieren uns oder glauben nicht daran, dass es etwas bringt, wenn wir Gott um etwas bitten. Oder – wie Jesus zu betonen scheint: Wir bitten zu lasch, halbherzig und unentschlossen, im Bitten liegt schon unser Zweifel, unser Spalt zu dem, was in diesem Fall das Anliegen Gottes sein könnte.
  • Und darin liegt auch ein zweiter Grund: dass meine Bitte bzw. die Erfüllung, die ich im Stillen erhoffe, erwarte, nicht Gottes Vorstellungen entspricht, auch nicht zu ihnen hinführen würde, sich also nicht deckt mit seiner Gerechtigkeit und Güte – das heißt auch umgekehrt, wenn Gottes Vorhaben nicht zu meinen Plänen passt. Gott ist nicht wankelmütig, launisch, er erfüllt nur die Bitten, die mit seinem Willen in Einklang sind. Und dieser Wille ist unbedingt auf das Gute und Wahre ausgerichtet.
  • Oder drittens, Gott kann nicht handeln, wenn mein Gebet kein Dialog ist; wenn ich meine Forderungen und Wünsche gleichsam auf Transparente schreibe und wie bei einer Demonstration hochhalte… Denn eine der wichtigsten Wirkungen des Gebetes ist gerade dieser Dialog, die Pflege der Beziehung zu Gott; dass die Herzensanliegen beider Dialogpartner einander angenähert werden.

So dürfen wir mit Lukas ganz zuversichtlich sein und um das einzig Notwendige bitten und das möglichst hartnäckig, damit Gott frei in uns, durch uns und für uns handeln kann. Denn wie wir gehört haben: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Ein eigener Sonntag des Gebetes?

Wie sollen wir als Christen auf Unheil reagieren, das uns entgegenkommt, auf den Krieg, in den wir hineingezogen werden, oder vorher auf die Corona-Pandemie? Da gab es Stimmen, die in durchaus biblischer Tradition von einer Strafe Gottes sprachen. Was ist daran das bleibend Richtige und was ist daran falsch? Eine wirkliche Auseinandersetzung damit fand kaum statt; solche Stimmen wurden schnellstens zum Schweigen gebracht. Jetzt gibt es auf der einen Seite eine politische Linie, der sich fast alle unterordnen, und daneben eine Vielzahl von gut gemeinten Gebeten für den Frieden – angemessen, gemessen am Maß der biblischen Tradition? Manchmal sagt man: Bete ein Vaterunser für dieses oder jenes Anliegen – eine Verlegenheits-Empfehlung, oder steht mehr dahinter? Das sind ja nicht erst Fragen unserer Zeit; es sind die Fragen der Texte dieses Sonntags.

Stimmt das Bild eines strafenden Gottes?

Die Lesung aus dem Buch Genesis beginnt: „Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra ist angeschwollen. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei ent­spricht, das zu mir gedrungen ist“ – ein rechtsstaatlicher Standard wird da vor 4000 Jahren aufgestellt, hinter dem wir oft weit zurückbleiben: kein vorschnelles Urteil auf Grund dessen, was laut geworden, „angeschwollen“ ist in den Medien, sondern „Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist.“

Und dann: Wird Gott, soll Gott strafend dreinschlagen? Nicht als Plan Gottes wird uns das vorgestellt, sondern es ist der Mensch, Abraham, der diesen Gedanken ausspricht und Gott unterstellt: „Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen.“

Wie kommt es zu dieser Vorstellung von dem strafenden Gott? Die Menschen haben schon mit offenen Augen die Welt angeschaut. Man wusste von Städten, ganzen Kulturen, die untergegangen sind. Manchmal hat man auch gesehen, wie sie gelebt haben, und erkannt: Das musste in den Untergang führen. Das hat man dann so ausgedrückt, dass Gott die Strafe geschickt hat. Dabei richten sich die Menschen selbst zugrunde, auch heute: Eine Gesellschaft, in der es keine Gottesfurcht mehr gibt, keine Achtung der Schöpfungsordnung, keine Ehrfurcht vor dem Mitmenschen, keinen Schutz für die Schwächsten, sondern nur Gier, Macht, Interessen einzelner Menschen, einzelner Gruppen, eine solche Gesellschaft richtet sich selbst zugrunde. Dafür braucht es keinen strafenden Gott.

Wie handelt Gott in der Welt?

Aber wie schaut Gott darauf? Wie hat Israel ihn erfahren, ganz anders als das Gottesbild der damaligen Zeit? Eine verbreitete religiöse Vorstellung von Gott ist, dass er hoch über der Welt herrscht und der Mensch ihm ausgeliefert ist. Dagegen heißt es hier im Buch Genesis in den Versen, die unserer Lesung vorausgehen: „Da sagte sich der Herr: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? …Durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann.“ Gott will den Menschen ins Vertrauen ziehen, nicht einfach über ihn herrschen, sondern mit ihm, durch ihn handeln. Er macht sich geradezu abhängig von der Mitwirkung des Menschen: „…damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann“. Gott sucht nach Menschen, die sich da hineinziehen lassen, mit seinen liebenden Augen die Welt anzuschauen. Es ist ja nicht so, dass Abraham Gott als Gegenüber etwas abringt, sondern er hat etwas von dem verstanden, was im Herzen Gottes selbst vorgeht, und spricht mit ihm als Partner, der ihn an sein eigenes Mitleid erinnert. Nur wenn Gott solche Menschen findet, die so ihn verstehen, dann kann er in der Welt handeln.

Warum hört Abraham bei den zehn Gerechten auf zu verhandeln? Hätte er da nicht weitermachen und die Forderung auf einen herunterhandeln können? Dann hätte er Sodom gerettet. Da gibt es offenbar Gesetzmäßigkeiten, die sich nicht überspringen lassen. Die jüdische Tradition hat daraus die Regel gemacht, dass für den Synagogengottesdienst mindestens zehn Männer da sein müssen, und da dürfte dahinter stehen: zehn Familienoberhäupter; wenn es weniger sind, kann kein Gottesdienst stattfinden.
Ein Einzelner kann nichts ausrichten. Selbst viele gute Menschen können als Vereinzelte nichts ausrichten. Das hat sich im letzten Jahrhundert in Europa erschütternd bestätigt, als die vielen einzelnen Christen zu schwach waren, der Übermacht des Bösen zu widerstehen. Und in der Corona-Pandemie war die vielleicht schlimmste Katastrophe die uns aufgezwungene Vereinzelung. „Wie können wir unter Corona-Bedingungen als Gemeinde leben?“ war die Frage, die unbeantwortet blieb. Wenigstens zehn Gerechte, die zusammenstehen, hätte es in Sodom gebraucht. Gemeinden mit mindestens zehn Familien bräuchte es, sonst sind sie zu schwach, um dem Willen Gottes in der Welt Geltung zu verschaffen.

Das Ringen darum, eins zu sein mit dem Willen Gottes

Mit der gleichen Leidenschaft und Hartnäckigkeit wie Abraham sollen wir uns einsetzen, sagt Jesus, wie einer, der Brot für einen Gast braucht, der spät am Abend angekommen ist. Nicht für unsere privaten Interessen sollen wir so penetrant und hartnäckig sein, nicht um unsere eigenen Pläne und Wünsche durchzusetzen. Für einen Gast wird im Gleichnis das Brot gebraucht. Dann lehrt uns Jesus das Vaterunser, ein Gebet, wo es nicht um unsere Interessen geht, sondern um die Sache Gottes:

Der Name Gottes in der Welt soll geheiligt werden, das Reich Gottes soll kommen, der Wille Gottes soll geschehen. Das kann nur geschehen durch ein Volk, das seinem Namen in der Welt Ehre macht, das mitten in der Welt zu Gottes Herrschaftsbereich wird, wo es nicht mehr heißt: „Ich bin mein eigener Herr, ich lass mir von niemandem in mein Leben hineinreden“, sondern: „Gott ist unser Herr, und wir helfen uns gegenseitig, ihm als sein Volk zu gehören“, ein Volk, das vom Morgen bis zum Abend nach seinem Willen fragt und ihm Raum gibt, nicht den eigenen Plänen und Träumen, sondern dem, was Gott mit der Welt vorhat.

Auch im zweiten Teil geht es nicht um unser eigenes Wohl, dass wir billiges Sonnenblumenöl und genügend Gas haben. Die Bitte „Unser tägliches Brot gibt uns heute“ ist die Bitte der Jünger, die nach der Weisung Jesu ohne Proviant ausziehen, sich um des Auftrags willen nicht die Zeit nehmen können, für sich selbst zu sorgen, dass sie das Netz der Sympathisanten vorfinden, die, ihnen den Becher Wasser und das Brot für diesen Tag reichen.

Wir sollen darum bitten, dass es den Ort in der Welt gibt, wo alle Schuld vergeben wird und wir davor bewahrt werden, einander davor bewahren, den Glauben zu verlieren und aus der Gemeinschaft herauszufallen.

Das Vaterunser ist kein Verlegenheitsgebet, wenn einem nichts anderes einfällt. Es gibt uns das Maß für ein christliches Gebet: nicht ein Bemühen, auf Gott einzuwirken, dass er unsere Wünsche erfüllt, sondern ein Ringen, selber eins zu werden mit dem Willen Gottes. Solches Bitten macht uns einzelne zur Kirche, zur Gemeinde Jesu.

Wird Gott heute unter uns wieder Menschen wie Abraham finden, die als Fürbitter in seine Leidenschaft für diese Welt einschwingen? Und wird es an vielen Orten das nötige Minimum von Menschen geben, die sich zu einer Gemeinde sammeln lassen, um stark genug zu sein, dem Unheil zu widerstehen?

Wir sind hier schon viel mehr als zehn. Nur eines braucht es noch: Um das einzig Notwendige zu bitten: um den Geist Gottes, damit er durch uns Seine Werke tun kann.

 © Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf