Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 48

Das Himmlische suchen – aber wo?

Wenn wir diese drei Texte zusammenhören, und das müssen wir ja, dann scheint uns darin leicht eine Linie auf, am deutlichsten ausgesprochen im Kolosserbrief: „Richtet euren Sinn auf das Himmlische, nicht auf das Irdische!“ Sollen wir uns also von der Welt abwenden, die Sorgen um die weltlichen Dinge hinter uns lassen und uns dem Religiösen zuwenden? Ist das gemeint? Wir müssen die Lesungen nicht nur in der Zusammenstellung dieses Sonntags sehen, sondern im Zusammenhang der ganzen Bibel, der ganzen Glaubenstradition des Gottesvolkes. Jesus, Paulus, der Verfasser des Buches Kohelet, sie alle waren Juden, standen in der Tradition Israels, und der ist Abwendung von der Welt ganz fremd. „Gott hat die Welt geschaffen, nicht die Religion“, so formulierte es einmal ein jüdischer Theologe.

Überlegungen anhand der Geschichte des Josef in Ägypten

So konnten bei dem Gleichnis Jesu von dem Bauern mit seiner reichen Ernte die mit der Bibel vertrauten Zuhörer gar nicht anders als die Geschichte von Josef in Ägypten mithören: Der Pharao hatte im Traum fette und magere Kühe gesehen, die nacheinander aus dem Nil stiegen. Während die ägyptischen Traumdeuter ratlos davor standen, konnte Josef, der gelernt hatte, mit offenen Augen die Welt anzuschauen, in dem Traumbild die Abfolge fruchtbarer Jahre und Dürrejahre in Ägypten erkennen und zu der vernünftigen, rettenden Konsequenz raten, von dem Überschuss der fruchtbaren Jahre Vorräte anzulegen für die zu erwartenden Dürrejahre.

Und jetzt: Vorräte anlegen wie Josef, Gasspeicher füllen, ist das falsch? Wo liegt der Unterschied, an dem im Evangelium die Sache gekippt ist? Unterscheiden ist ein wichtiger Vorgang, auf den Papst Franziskus uns immer wieder hinweist, weil er uns so fremd ist. Wir möchten uns immer festhalten an dem, was einmal als Erfahrungs­wissen, als Gesetz festgeschrieben wurde. „Dürfen wiederverheiratete Geschiedene die Sakramente empfangen?“ Das Gesetz, das es da gibt, ist richtig, und dann braucht es noch den unterscheidenden Blick auf den Einzelfall: Was ist jetzt richtig? So gab es schon in Israel zu den Geboten eine Fülle von Ausführungsbestimmungen, die aber immer noch nicht jeden Einzelfall erfassen konnten. Jesus bringt mit Vorliebe solche Beispiele, wo jemand nach dem, was in der Tora und ihren Ausführungsbestimmungen gesagt ist, eigentlich genau richtig liegen würde, und führt uns auf die Frage: Wo liegt jetzt der Unterschied?

Der entscheidende Unterschied

Der entscheidende Satz der Kritik im heutigen Evangelium ist: „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?“ Mit solchen Worten wurde bisweilen den Menschen Angst gemacht. Aber Jesus ging es nicht darum, seine Zuhörer durch eine diffuse Angst einzuschüchtern. Mitte seiner Botschaft ist das Gekommen-Sein der Gottesherrschaft, die Erlösung der Welt. Aber damit verbunden ist Rechenschaft von uns verlangt: Ist da erlöste Welt unter unseren Händen? Wem wird das gehören, was du angehäuft hast“, das Gas in den Speichern? Uns zur Sicherung unseres Wohlstands oder denen, die der Herr uns anvertraut hat? Ist die Welt nach 2000 Jahren Christentum der Ort, wo die Güte Gottes anschaubar ist, oder immer noch ein Kampfplatz, wo jeder um sein eigenes Leben, seine Interessen kämpft und nur verlieren kann, wo auf jeden Fall sein Nächster verliert?

Jesus spricht vom Gekommen-Sein der Gottesherrschaft, wo sich Gott wie ein Vater um sein Volk sorgt, jetzt hier auf der Erde, nicht irgendwann nach dem Tod im Himmel. Was berechtigt Jesus zu dieser gewagten Behauptung? Wie kann sich Gott um den Menschen sorgen, wenn es nicht Menschen gibt, die seine Sorge zu ihrer eigenen Sorge machen, Menschen, deren Lebensmitte, der Schwerpunkt ihrer Mühen das Gelingen des Planes Gottes für diese Welt ist? Nur dann kann Gott in der Welt handeln, und dann kann der Mensch die Erfahrung machen, dass aus dem nichtigen Windhauch unserer Anstrengungen ein Geistbraus entsteht, der die Welt aus einer öden Wüste in einen blühenden Garten verwandelt. Es ist diese Interessenverschiebung, die den Unterschied macht: dass ich mich nicht zuerst um mich sorge, mein Leben sichere, sondern um die Sache Gottes.

Wie ist das zu verstehen: Ihr seid bereits mit Christus auferweckt

Ist so etwas möglich, ist es nicht eine Utopie? Der Verfasser des Buches Kohelet ist da sehr skeptisch. Er stellt fest: Etwas, auch Erfahrungen, an die nächste Generation weiterzugeben gelingt nicht. Der Tod macht alles zunichte. Der Mensch ist so nicht zu verändern. So sieht er alle Taten, die unter der Sonne getan wurden, als Windhauch und Luftgespinst. An seiner Skepsis darf nichts weggenommen werden. Die Kirche lässt seine Worte als erste Lesung, „Wort des lebendigen Gottes“, stehen. Der Mensch, für sich genommen, kommt aus dem Gestrüpp seines Lebens, aus der Ver­geblichkeit und der Nichtigkeit dessen, was er tut, niemals heraus. Das hat Kohelet völlig richtig beobachtet. Seine Nüchternheit und Skepsis sind heilsam.

Der Boden, auf dem Jesus redet, ist die schon hereingebrochene Gottesherrschaft. Das verändert alles. Es stellt uns, die wir uns als Einzelne tatsächliche nicht ändern können, auf einen neuen Boden, auf dem wir zusammen mit vielen anderen das Werk Gottes tun dürfen.

Und so nennt Paulus vor der Aufforderung, „Richtet euren Sinn auf das, was oben ist“, die Voraussetzung: „Nachdem ihr nun mit Christus auferweckt seid …“, auch eine kühne Aussage:
Was wir für den jüngsten Tag erwarten, wenn der Messias wiederkommt, das soll also schon geschehen sein: „Ihr seid mit Christus auferweckt“, ein revolutionärer Gedanke, den er im Kolosserbrief ausführt, wenn er hinzufügt: „Denn ihr seid gestorben“. Im vorhergehenden Kapitel verdeutlicht er, was er damit meint: „Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Ihr wart tot infolge eurer Sünden (…) Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben“ (Kol 2,12). Er spricht von der Taufe, die mehr ist als ein wenig Wasser übergießen: Tod und Auferstehung zu einem neuen Leben, wenn auch immer in Gefahr, in das alte Leben zurückzufallen, wie es ein Theologe einmal sehr plastisch ausgedrückt hat: „Der alte Adam wird im Wasser der Taufe ersäuft, doch das Aas kann schwimmen.“

Die Taufe als Sakrament der Sammlung der Gemeinde

Aber die Taufe ist nicht einfach ein Vorgang an einem Einzelnen. Jesus sammelt da Menschen in Gemeinden, wo wir uns und unsere Möglichkeiten von Gott verwenden lassen und einander ergänzen können zum Aufbau des Volkes Gottes hier an diesem Ort. Deswegen ist es auch so notwendig, dass bei einer Taufe die Gemeinde anwesend ist, und sie wird auch im Taufritus eigens angesprochen. Es ist eine Notlösung, wenn ich an der Stelle die Ministranten ansprechen muss: „Ihr müsst jetzt die Gemeinde vertreten.“

Seinen Sinn auf das Himmlische richten, heißt dann nicht: aus dieser Welt fliehen, ständig eine Geister- und Ideenwelt im Kopf haben, sondern genau mit dieser Welt beschäftigt sein, aber als Hörende, unversklavt diese Welt neu ordnen, damit in ihr Gott sichtbar werden kann. Wenn wir das tun, wird sich ein neuer Horizont öffnen. Die Freude an den Taten Gottes wird uns bestimmen. Und bereits durch diese Freude ist dann in unserem Leben alles anders geworden.

Kohelet 1,2 und 2,21-23; Kolosserbrief 3,1-11 gekürzt; Lukasevangelium 12,13-21;
18. Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf