Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 49

Die Aktualität eines Diözesanpatrons auch heute

Am 7. August feierte die Diözese Augsburg das Hochfest der heiligen Afra, einer der drei heiligen Augsburger Diözesanpatrone. Die biblischen Lesungen des Tages waren Buch der Weisheit 3,1-6.9; Jesus Sirach 2,1-9 gekürzt; 1. Petrusbrief 4,12-14.16; Matthäusevangelium 10,17-20.22.

Das Evangelium dieses Gottesdienstes aus dem Matthäusevangelium hat die Kirche offensichtlich wegen dieses Märtyrerfestes ausgewählt. So dürfen wir es uns von der heiligen Afra, von ihrem Leben, den Legenden darüber auslegen lassen. Was da überliefert ist, ist erstaunlich aktuell. Es sind Flüchtlingsgeschichten, wie sie auch in unserer Zeit vorkommen könnten.

Die heilige Afra, mit Ulrich und Simpert Patronin der Diözese Augsburg

Wo Afra herstammte, wissen wir nicht. Der Name lässt darauf schließen, dass sie aus Afrika stammte. Nach einer anderen Überlieferung war sie die Tochter des Königs von Zypern. Als der König ermordet worden war, musste Afra mit ihrer Mutter Hilaria fliehen. Es heißt, als Mädchen hätte sie einen Traum gehabt, sie würde Königin von Augsburg. Niemand weiß, wie sie von Augsburg gehört hatte. Jedenfalls überredete sie jetzt ihre Mutter, mit ihr nach Augsburg zu fliehen. Sie waren keine Christen. Ihre Mutter hatte Afra der Liebesgöttin Venus geweiht. So eröffnete Afra in Augsburg zusammen mit drei Freundinnen ein Bordell und bot ihre Liebesdienste den Soldaten der römischen Besatzungstruppen an.

Nach Augsburg kam auch der Bischof Narcissus von Gerona in Spanien. Er war auf der Flucht vor der Christenverfolgung unter dem Kaiser Diokletian, die inzwischen Spanien erreicht hatte. Er wusste, dass es in Augsburg unter den römischen Soldaten auch einige Christen gab. Als er eine Unterkunft suchte, geriet er in das Haus der Afra, ohne zu ahnen, dass es ein Bordell war. Vor dem Essen betete er, wie er es gewohnt war. Da wurde Afra neugierig und sie ließ sich von seinem Glauben erzählen. Bedenken wir: Bischof Narcissus hat ihr nicht gepredigt, wie verwerflich ihr Leben sei, nur seinen Glauben praktiziert, so, dass sie neugierig wurde. Nach sieben Tagen ließ sie sich mit ihrem ganzen Haus taufen und schloss das Bordell. Darüber waren einige Augsburger so enttäuscht und verärgert, dass sie, als die Christenverfolgung auch die nördlichen Provinzen erreichte, Afra als Christin anzeigten. Der Statthalter Gaius ließ sie verhaften und forderte sie auf, ihr altes Leben wieder aufzunehmen und den Göttern zu opfern. Doch Afra weigerte sich standhaft. Schließlich wurde sie zum Feuertod auf einer Lechinsel verurteilt, verbrannte aber nicht, sondern erstickte am Rauch. Einer anderen Überlieferung nach wurde sie an einen Baum gefesselt und enthauptet. Wenig später erlitten auch ihre Mutter Hilaria und ihre Gefährtinnen das Martyrium. Einige Jahre später diente das Haus Afras als erste christliche Kirche in Augsburg. Ihr Onkel Dionysius wurde erster Bischof von Augsburg.

Verschiedene Wege, aber kein Schicksal

Geschichten von Verfolgung und Flucht, wie sie heute vielfach vorkommen, ein Bischof, durch die Christenverfolgung zur Flucht gezwungen, eine politisch Verfolgte, Nichtchristin, die dann als Prostituierte arbeitete. Wie die Details auch gewesen sein mögen, auf solchen Wegen ist das Christentum zu uns gekommen. Und doch waren es nicht einfach Schicksale. An einem Punkt sah sich Afra noch einmal vor eine neue Freiheit gestellt, vor die Frage, ob sie ihr Leben, das sie durch die Flucht gerettet hat, noch einmal aufs Spiel setzt. Die Legende vergisst nicht zu erinnern, dass der römische Statthalter sie vor die Alternative gestellt hat, in ihr altes Leben zurückzukehren. Da muss sie begriffen haben, dass sie ihr Leben dafür gerettet hat, dass sie es jetzt einsetzt für die Sache, die es wert ist, mehr als Freiheit oder Königswürde.

Diese Geschichten sind der Boden, auf dem wir als Christen im Raum Augsburg heute stehen. Es sind nicht alte Legenden, die man vielleicht belächeln könnte; es ist ein hochaktuelles Fest, wenn wir heute, im Jahr 2022, ihrer gedenken und das Fest dar heiligen Afra als unserer Diözesanpatronin feiern.

Eine lebendige Antwort auf die Frage nach Amt und Würde

Noch unter einem zweiten Aspekt ist es ein sehr aktuelles Fest: Augsburg hat zwei Hauptpatrone, Ulrich und Afra, einen Mann und eine Frau, und das ist nicht eine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts. Ulrich war Bischof, Afra war Märtyrerin. Welche Würde ist höher? Und jetzt kommt die Gewissensfrage für alle, die heute in der Kirche nach Amt und Würden streben: Nach welcher Würde streben Sie? Auch diese Frage stand schon einmal im Raum; im Evangelium wird davon berichtet, nicht in dem, das wir heute gehört haben; vor Kurzem, am Fest des heiligen Jakobus, konnten wir es hören: Die Mutter von Jakobus und Johannes bat Jesus für ihre Söhne, er solle ihnen die Plätze rechts und links neben ihm in seinem messianischen Reich geben. Jesus antwortete: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Ein Ausleger hat einmal verwiesen auf das Bild, dass ein paar Kapitel später im Evangelium erscheint: Zusammen mit ihm wurden zwei Terroristen gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Das sind die Plätze rechts und links neben ihm. Welche Würde strebt Ihr an? Jesus hat dann klargestellt, dass er keine Ämter zu vergeben hat: ‚Dort werden die sitzen, für die mein Vater diese Plätze bestimmt hat.‘

Zu dem Evangelium, das wir heute gehört haben, ist jetzt gar nicht mehr viel zu sagen, es ist heute, im Jahr 2022 in sich so unmittelbar sprechend. Ich schaue ja gewöhnlich nach, wie Mitbrüder von mir die Texte schon einmal ausgelegt haben. 2001 sagte ein Mitbruder in der Predigt zum Afrafest: „Das Evangelium weist im Zusammenhang mit der Jüngeraussendung auf die Verfolgungen hin, mit denen die Jünger zu rechnen haben. Heute droht dem, der sich zu Christus bekennt, kaum mehr Verfolgung und Martyrium.“ Da bin ich erschrocken: Das kann man heute, gut 20 Jahre später, nicht mehr sagen. Es ist neu aktuell geworden, wie wir es nicht geahnt haben. Und auch der Zuspruch des Apostels Petrus ist unmittelbar verständlich: „Liebe Brüder, lasst euch durch die Feuersglut, die zu eurer Prüfung über euch gekommen ist, nicht verwirren, als ob euch etwas Ungewöhnliches zustoße. Stattdessen freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt. … Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch. Wenn einer aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott verherrlichen, indem er sich zu diesem Namen bekennt.“ Bekennen wir uns zu ihm und zu der Frau und Märtyrerin Afra als unserer Diözesanpatronin.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf