Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 50

Drei Texte – drei Grundzüge der Kirche

Es gibt eine Vielfalt von Gedanken in den drei Schrifttexten des 19. Sonntags im Jahreskreis C; deshalb wähle ich aus allen drei Texten jeweils nur einen Satz aus. Aber da die Bibel eine große organische Einheit ist, hängt ohnehin jeder Satz mit dem Ganzen zusammen.

Dass sie in gleicher Weise Güter wie Gefahren teilen

In der ersten Lesung aus dem Buch der Weisheit heißt es: „sie verpflichteten sich einmütig auf das göttliche Gesetz, dass sie in gleicher Weise Güter wie Gefahren teilen sollten…“
In diesem Satz geht es um die Übernahme von Gottes riskantem Rettungs-Plan zu der Befreiung Israels aus Ägypten, den er mit Hilfe des Mose angekündigt und ausgeführt hat. Dazu gehört aber auch die Übernahme des Gesetzes, das in der Wüste dem Volk übergeben worden ist. Erst die ausdrückliche Identifizierung mit Gottes Plan und mit seinem Willen macht aus dem Volk eine Schicksalsgemeinschaft, in der „Güter wie Gefahren“ in gleicher Weise geteilt werden können.

Man wird Zeuge der Entstehung des Gottesvolkes, das sich als die Güter- und Schicksalsgemeinschaft begreifen muss. Einen ähnlichen Vorgang sehen wir auch in der Apostelgeschichte, als die junge Gemeindekirche entsteht, ebenfalls als eine Gemeinschaft, die ihre Güter und ihr Schicksal miteinander teilt.
Gottes Rettungs-Werk und seine Offenbarung sind also nicht bloß Sache der Vernunft und der Moral. Sie sind von Anfang an gebunden an reale Gemeinschaft, die Voraussetzung und zugleich Frucht dieses Vorgangs ist. Gleicherweise Güter wie Gefahren zu teilen, gehört zum Wesen der Kirche.

… aber in Frieden, getreu den göttlichen Plänen

In der Lesung aus dem Hebräerbrief hörten wir den Satz – bezogen auf Abraham und seinen Auszug aus seiner bisherigen Welt: „denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“.
Hier geht es um die Grundmotivation des Glaubens. Mit Abraham beginnt die konkrete Heilsgeschichte des Gottesvolkes, in der auch wir heute stehen. Er ist der erste, der von einer ungekannten Stimme in etwas Unbekanntes gerufen wird; und er hört und gehorcht. Ihm wurden Nachkommen und Land verheißen, also eine Existenz inmitten der Völker und Nationen. Sie wird beschrieben als eine „Stadt mit festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut“ hat.
Eine Stadt mit festen Grundmauern war damals Garantie des Friedens und der Sicherheit einer Gemeinschaft. Wenn aber diese Stadt von Gott gebaut wird, reicht das Bild noch weiter und tiefer: Es geht um den Frieden und die Sicherheit überhaupt – nicht bloß militärisch und soziologisch. Abraham wurde losgeschickt auf die Suche nach einer menschlichen Lebensmöglichkeit in einer Welt, wo dem Menschen nur mit den erbarmungslosen Gesetzen des Dschungels nicht geholfen wird. Er muss die nomadische Unsicherheit des Zeltes einmal ablegen können und in etwas Festes einziehen, das bleibt.

Abraham wurde nicht mit einer jenseitigen Stadt im Himmel gelockt. Die Kirche – wenn sie Gottes Volk sein will – muss ihrem göttlichen Bauplan entsprechen und eine sichere Stadt sein, wo unterschiedliche Menschen miteinander in Frieden – aber eben getreu den göttlichen Plänen leben können.

Einer kleinen Herde für alle anvertraut

Schließlich ein Satz vom Anfang unseres Evangeliums, ein tröstliches Wort: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde. Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.“ Dass es um eine „Herde“ geht, heißt nicht, dass die Jünger Jesu willenlos und blind sind. Sondern, dass sie sich nur von Gott als dem einzigen wahren Hirten leiten lassen wollen.
Dass diese Herde klein ist, scheint zur Sache selber zu gehören. Auch die offensichtlich auftauchende Furcht, die ständige Begleiterin des Glaubens und der Gottesnähe, darf sein und soll immer wieder weggenommen werden. Wichtig ist aber auch, dass es hier nicht um eine besonders begabte Minderheit geht, sondern um ein Wollen Gottes: „euer Vater hat beschlossen“ – sagt Jesus, „es hat ihm gefallen“.
Das ist nicht Jesu Idee, sondern seine Erkenntnis, dass so die Wirkweise des Vaters ausschaut: durch die kleine Zahl zu arbeiten.

Dass Gott dieser kleinen Herde „das Reich gibt“, bedeutet wiederum nicht, dass das Reich Gottes eine ganz exklusive Angelegenheit sei, wo die meisten ausgeschlossen sind. Aber diese kleine, gewaltlose und nicht zuerst das Eigene suchende „Jünger-schaft“ ist wie eine Keimzelle, wo lebensnotwendige Informationen gespeichert sind; oder wie ein Brennglas, das alle zerstreuten Lichtstrahlen der Wahrheit Gottes einsammelt. Seine Auswirkung muss groß sein und weit über die „kleine Herde“ hinausgehen, aber sie darf sich nicht zerstreuen und in der Masse aufgehen.
Die Kunde und die Güter des Reiches Gottes sollen vielen zuteilwerden, die Maßstäbe und die Klarheiten des Himmelreiches sollen vielen zugutekommen. Aber Gott braucht einen Kern, von wo aus die Ausstrahlung wirksam werden kann.

In gleicher Weise Güter wie Gefahren teilen; die Stadt mit den festen Grundmauern erwarten, die Gott selbst geplant und gebaut hat; und Gottes Entschluss, das Reich der kleinen Herde zu übergeben … – Dimensionen einer Kirche, die ihren Weg nicht von den Wünschen und Vorstellungen der Zeitgenossen bestimmen lässt, sondern ihn aus dem Schatz der Kontinuität mit den Anfängen empfangen will.

Buch der Weisheit 18,6-9; Hebräerbrief 11,1-2.8-12; Lukasevangelium 12,32-48 in Auswahl;
19. Sonntag im Jahreskreis C,
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg