Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 51

Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel

Im Gottesdienstanzeiger steht als die entscheidende Besonderheit dieser Feier: „Eucharistiefeier mit Kräutersegnung“. Die Kräutersegnung steht offenbar für viele im Mittelpunkt des heutigen Festes. Dabei ist sie etwas sehr Irdisches, aber das lenkt uns auf eine richtige Spur.

Ein Fest der Kräutersegnung?

Ihr Ursprung sind heidnische Bräuche. Aber die Kirche hat bei der Missionierung das heidnische Brauchtum, das auch bei uns immer wieder durchaus lebendig zu Tage tritt, nicht einfach in Strenge verworfen, sondern es sozusagen getauft, verwandelt. Die Wirkkraft der Pflanzen kann sie neu deuten, nicht als etwas Göttliches in der Natur, sondern als Zeichen der guten Schöpfungsordnung, die von Gott, dem Schöpfer und Herrn der Welt, stammt.

Die Kirche steht damit ganz in der Tradition des Volkes Israel, das auch schon die alten Naturfeste umschmolz zu Festen, an denen es sich des Handelns Gottes in der Geschichte erinnerte. Ein schönes Beispiel ist das Laubhüttenfest, das ursprünglich ein Erntefest in Kanaan war. Für Israel wurde es zu einem Fest der Erinnerung an den Weg durch die Wüste, wo Gott sein Volk aus Ägypten in die Freiheit geführt hat. Zum Laubhüttenfest wurden vier Arten von Zweigen zusammengestellt: vom wohlduftenden und wohlschmeckenden Zitrusbaum, von der Dattelpalme mit ihren süßen Früchten, von der lieblich duftenden, aber geschmacklosen Myrte und von der Bachweide, die weder Geschmack noch Wohlgeruch hat. Die vier Zweige sollten stehen für vier Typen von Menschen im Volk Gottes. Sie alle werden in einem Bündel zusammengenommen, damit der eine ergänzt, was dem anderen fehlt. Einen solchen Kräuterbund hat Gott sich ersonnen, nicht als Zaubermittel, sondern einen Kräuterbund, der für sein Volk steht, das in seiner Buntheit und dem einander Ergänzen, füreinander Einstehen reales Heilmittel für die Welt sein soll.

Maria Gottesgebärerin

Unser heutiges Fest geht auch zurück auf ein heidnisches Fest, nämlich ein altrömisches Sommerfest, das am 15. August gefeiert wurde. Im Jahr 600 wandelte es der Kaiser Mauritius um in ein Fest der Gottesgebärerin Maria. Kurz vorher hatte die Kirche auf dem Konzil von Ephesus in einem intensiven Ringen zu diesem Titel für Maria gefunden. Es gab eine theologische Richtung, die behauptete, Maria habe mit Jesus nur einen Menschen gebären können. Erst im Laufe seines Lebens sei er dann zum Messias, zum Gottessohn geworden. Diese Lehre hat das Konzil verworfen und mit dem Titel „Maria, Gottesgebärerin“ dagegengesetzt, dass Jesus von Anfang an von Maria als Sohn Gottes geboren war. Wir ahnen kaum noch, wie gewagt diese Aussage war, dass Maria das möglich war, wo sie doch selbst nichts als ein Stück Welt war. Es zeigt wieder, wie hoch die Kirche von der Welt denkt, von dem, was als Möglichkeit in ihr liegt. Aber das kann man nicht über die Welt sagen, wie wir sie vorfinden, von Generationen von Menschen verdorben. Möglich wurde das erst, als Maria mit ihrem Ja zugelassen hat, eins zu werden mit dem Willen Gottes, „überschattet vom Heiligen Geist“.

Im weiteren Nachdenken hat die Kirche sozusagen als Konsequenz erkannt, dass Maria, wenn sie so sehr neue, geheilte Schöpfung ist, auch als erste in den Sieg Christi über den Tod mit hineingenommen sein muss. So erklärte die Kirche im Jahr 1950 als Dogma, dass Maria „nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden ist.”

Nun liest die Kirche im Gottesdienst zu diesem Fest nicht etwa den Text des Dogmas, sondern bleibt streng dabei, nur Texte aus der Heiligen Schrift zu lesen. Wovon handeln sie?

Das Bild der Offenbarung des Johannes, die Frau mit den zwölf Sternen

In der ersten Lesung hören wir von einer Frau und einem Kind, das sie gebiert, und von einem Drachen. Bei der Frau mit dem Kind denken wir heute natürlich sofort an Maria und Jesus, eine Deutung, die sich seit dem 4. Jh. in der Kirche eingebürgert hat. Aber da stimmt einiges nicht: die zwölf Sterne, der Zufluchtsort in der Wüste, etwas später ist von ihren übrigen Nachkommen die Rede, „die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“. Das alles passt nicht auf Maria. Diese Frau steht zunächst einmal für Israel mit seinen zwölf Stämmen, für das die Wüste der Ort der befreienden Führung Gottes war und das den Messias hervorbringen sollte. Das uns esoterisch anmutende Bild des Drachens mit den sieben Köpfen ist eine verschlüsselte Bildersprache der Verfolgungszeit, die die Gemeinden des Johannes sofort verstanden, so wie wir heute eine politische Karikatur verstehen: Gemeint ist Rom auf seinen sieben Hügeln, mit seinen vielen Kolonien und allumfassenden Herrschaftsansprüchen, das die junge Kirche verfolgte. Die Frau, die von dem Drachen verfolgt wird, ist also jetzt die Kirche. Das ist da überhaupt kein Bruch. Die Frau ist beides: das alttestamentliche Israel, das den Messias und die Kirche hervorgebracht hat, und auch die Kirche in ihrer Verfolgung, also das als Einheit gesehene Gottesvolk.

War es also ein Irrtum, in der Frau Maria zu sehen? Es entspricht einer langen Tradition schon bei den Propheten, das Gottesvolk nicht wie ein namenloses Kollektiv zu sehen, sondern dargestellt in einer Frau. Für Gott kann sein Volk nur ein ansprechbares Du sein. In dieser Tradition hat auch die Kirche sich seit frühesten Zeiten in Maria verdichtet gesehen. Der heilige Ambrosius schreibt: „Mit gutem Grund ist Maria eine Vermählte, zugleich aber auch Jungfrau. Sie ist nämlich Urbild der Kirche, die unversehrt ist und dennoch vermählt. Als Jungfrau hat die Kirche uns vom Geist empfangen, als Jungfrau gebiert sie uns ohne Schmerzenslast.“ Urbild bedeutet nicht ein Bild, das zur Veranschaulichung nachträglich geschaffen wurde, sondern es steht als konkrete Person am Anfang der Geschichte.

Die Worte Marias sind erhoben zur Anrede an das Gottesvolk

Auch im Evangelium preist Maria Gott für das Große, das er an ihr getan hat, und nennt in einem Atemzug Ereignisse, die in ihrem Leben nicht vorkamen: Hochmütige zersprengt, Machthaber von Thronen gestürzt, Hungernde gesättigt und Reiche leer weggeschickt. Da klingt der Hochmut des Pharao an und die Befreiung von den Ägyptern am Schilfmeer und wie Gott sein Volk in der Wüste mit Manna gespeist hat. Maria sieht ihre eigene Geschichte ganz eins mit der Geschichte Israels. So ist sie mit ihrem ganzen Leben, nicht erst mit ihrem Tod, eingefügt in den Herrschaftsbereich Gottes.

Vom Gottesvolk ist da also die Rede, von der Kirche ist die Rede. Warum wurde dann der Blick immer mehr auf Maria fokussiert? Es gibt das Wissen und die Erfahrung von der Heiligkeit und der Herrlichkeit der Kirche. Aber dann kam auch zunehmend die Erfahrung des Versagens dazu, dass sie, dass wir dem Anspruch gar nicht nachkommen – eine starke Erfahrung auch für uns heute. Aber da hat die Kirche nicht gesagt, das Ideal war zu hoch, auf die Dauer nicht realisierbar, sondern sie hat an der Erwählung zu dem Glanz und der Heiligkeit der reinen Jungfrau und Mutter festgehalten und gesagt: In einer Person ist das geglückt, wovon hier die Rede ist, vielleicht nur in Maria. Sie ist das reine Urbild von dem, was mit der Kirche für alle Zeiten gemeint ist, und damit auch die bleibende Herausforderung: Können wir uns zu den Niedrigen zählen, die Gott fürchten, weil sie um ihre Gefährdung wissen, und ihn preisen, weil sie von seinem Erbarmen leben? Oder stehen wir auf der Seite der Hochmütigen; wenn wir meinen, wir bräuchten kein Erbarmen, wenn wir aus eigener Vollkommenheit so sein wollen, dass wir kein Erbarmen brauchen, und auf die anderen herabschauen? Dann sind wir schon zerstreut, weil wir uns gegeneinander wenden und nicht sammeln. Wenn wir als Kirche aber als niedrige Magd leben, einander dienen und durch dieses gelebte Beispiel der Welt dienen und dabei um unsere Schwäche wissen, dann dürfen wir erfahren, dass Gott an sein Erbarmen denkt, das er seinem Volk immer erwiesen hat, und seine Kirche erhöht und zum Segen werden lässt für die Gesellschaft.

Das heutige Fest spricht von der Liebe Gottes zur Welt, dass er sie in den Himmel aufnimmt, die ganze irdische Lebenswirklichkeit mit aller Freude und allem Leid. Auch wenn derzeit das „noch nicht“ größer erscheint als das „schon“, dürfen wir, müssen wir an der Verheißung festhalten, wenn wir an dem heutigen Hochfest feiern, dass sie anfanghaft schon in Erfüllung gegangen ist.

Offenbarung des Johannes 11,19a.12,1-10 gekürzt; 1. Korintherbrief; Lukasevangelium 1,39-56;
Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf