Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 52

Das uns nicht so vertraute Bild von Jesus

Manche Evangelienabschnitte sind sehr bekannt, z.B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das wir vor einigen Wochen gehört haben, und von daher haben wir unser Bild von Jesus. Das heutige Evangelium könnte genauso bekannt sein, aber da neigen wir eher dazu, es aus unserem Bewusstsein zu verdrängen, denn wie Jesus uns da begegnet, passt überhaupt nicht zu unserem vertrauten Bild von ihm: auf einmal nicht der Jesus der Nächstenliebe und des Friedens, sondern ein Prophet der Spaltung und des Unfriedens. Das würden manche als alttestamentlich-überholt bezeichnen.

Der Boden der Reden Jesu

Aber wenn uns heute die Kirche die Lesung vom Propheten Jeremia daneben stellt, dann um zu zeigen und zu bekräftigen, dass das der Boden ist, auf dem Jesus steht und auf dem auch seine Hörer seine Worte nur hören konnten. Wenn wir wie sie Jesus verstehen wollen, müssen wir uns diesen Boden neu vergegenwärtigen.

Auch Jeremia erregte Anstoß: „Dieser Mensch sucht nicht Heil, sondern Unheil für das Volk. Er muss mit dem Tode bestraft werden.“ Was hatte er gesagt und in welcher Situation?
Das kleine Restreich Juda war bedroht von den zwei Großmächten Babylon und Ägypten. Wie konnte es sich behaupten? Es sollte Volk Gottes sein, d. h. nach der Weisung Gottes leben, nach seiner Gerechtigkeit, anders als alle anderen Völker. Das wäre seine Stärke gewesen. Dagegen stand immer die Versuchung: „Wir wollen sein wie alle Völker.“ Seine Könige wollten mitspielen im Spiel der Machtpolitik der Großmächte und suchten gegen Babylon ein Bündnis mit Ägypten. Das brachte auch im Innern eine Orientierung an den Nachbarvölkern mit sich; die allgemein übliche Ungerechtigkeit gegen Schwächere ließ auch Israel zu.

Diese Politik war schon gescheitert, die Babylonier hatten Jerusalem schon einmal erobert und einen von ihnen abhängigen König, Zidkija, eingesetzt. Zidkija hatte sich aber dann von Babylon losgesagt, so dass die Babylonier Jerusalem wieder belagerten. Und jetzt ging der König zum Propheten Jeremia und fragte: „Befrag doch den Herrn für uns! Denn Nebukadnezzar, der König von Babel, führt gegen uns Krieg; vielleicht handelt der Herr an uns wie bei all seinen früheren Wundern, so dass Nebukadnezzar von uns abziehen muss.“

Aber Jeremia sah die Lage realistisch und musste antworten: „Nein, ihr habt nicht auf die Weisung Gottes gehört. Das Leben nach der Tora, was eure einzige Stärke gewesen wäre, habt ihr aufgegeben. Jetzt könnt ihr nicht mehr auf ein wundersames Eingreifen Gottes hoffen. Eure einzige Chance ist jetzt, euch den Babyloniern zu ergeben, damit ihr am Leben bleibt und so eine Chance habt, zu einem Leben nach der Tora umzukehren.“

Aber das wollte keiner hören. Der Prophet sollte zu der Machtpolitik des Königs seinen Segen geben und den Erfolg absichern, aber nicht die Illusion zerstören. So werfen sie Jeremia in die Zisterne. Gerettet wird er von dem Kuschiter Ebed-Melech. Kusch heißt Süden, d.h. ein Südländer, ein Ausländer, hatte als einziger den Mut, die Wahrheit zu sagen und sich für den Propheten einzusetzen, damit dieser gerettet wurde.

Prophet in Israel

Der Prophet ist der, der die Realitäten der Welt mit den Augen Gottes anschaut, im Licht der Vernunft und mit der Erfahrung der bisherigen Heilsgeschichte im Hintergrund. Das ist etwas anderes als nur zu sagen: Wir sind doch das Volk Gottes; Gott steht auf jeden Fall auf unserer Seite; wir können nur siegen. Es ist wieder, wie schon am vorletzten Sonntag deutlich wurde, ein unterscheidender Blick auf die aktuelle Lage vonnöten, eine Gabe der Unterscheidung, über die die führenden Politiker und die führende Presse nicht automatisch verfügen. Das war dem König noch bewusst; er weiß, er muss zum Propheten gehen und bitten: „Befrag den Herrn für uns!“ Aber wehe, die Antwort ist dann nicht so, wie er sich vorgestellt hat!

Man spürt, das sind nicht Geschichten aus einer fernen Welt vor 2600 Jahren. Da geht es um durchaus aktuelle Themen in der großen Politik und in unseren Dörfern. Neulich drängte es sich vom Sonntagsevangelium her auf, einen irrsinnigen Kampf, auf den sich Menschen einer Pfarrei versteift hatten, kritisch zu beleuchten. Die erboste Antwort derer, die sich ärgerten, dass ich nicht in ihrem Sinne rede, war: Ich soll das Thema nicht immer ansprechen, ich würde die Gemeinde spalten.

Die Worte Jesu

Wie Jeremia erging es auch Jesus. Seine scharfen Worte vom Feuer, das er auf die Erde werfen wollte, und von der Spaltung richteten sich an ein Gottesvolk, das sich weit von seinem Auftrag entfernt hatte und darüber zerstritten war, wo wieder eine Partei dabei war sich durchzusetzen, die auf einen bewaffneten, selbstmörderischen Aufstand gegen die Großmacht Rom setzte.

Auch heute ist die Frage: Leben wir nach den Weisungen Gottes und der Kirche, anders als die meisten anderen Menschen, und sehen wir darin unsere Stärke oder stützen wir uns auf gewisse Wissenschaftler, die für unsere Wunschvorstellungen eine Begründung liefern, oder auf den Staat, auf die Kirchensteuer, auf Bündnisse mit einer Großmacht und ihre Waffen? Erwarten wir den Schutz des Sonntags und unserer christlichen Feiertage von den Gesetzen des Staates, oder ist das nicht vielmehr eine Frage an die Praxis unseres Lebens, was uns der Sonntag bedeutet?

Die Bindung an den Willen Gottes

Aber warum muss sich gerade an der Botschaft Jesu, die doch die Botschaft von der Liebe Gottes und der Nächstenliebe ist, Streit entzünden?

Es hängt mit dem zusammen, was Nächstenliebe ist, wie Jesus sie definiert, und das ist etwas anderes, als was wir gewöhnlich damit meinen, nicht einfach rundum freundlich sein, alle Wünsche und Eigenheiten der Mitmenschen befürworten und niemandem weh tun. Gott will für die Menschen und für die Welt nicht einfach nur Trostpflästerchen geben. Gott will wirkliche Heilung und Erlösung. Dazu führt Jesus Menschen zusammen, die einander zunächst fremd sind, Menschen, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun hat, zu denen es keine natürlichen Bande des Blutes, der Sympathie oder der Dorfgemeinschaft gibt. Sie verbindet nur der gemeinsame Glaube an Christus und die Bindung an den Willen Gottes. Daraus entsteht zwischen ihnen eine Bindung, die stärker ist als Familienbande. ‚Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder und meine Schwestern‘, fragt Jesus einmal die Runde seiner Zuhörer und gibt darauf seine Antwort: ‚Meine Mutter und Brüder und Schwestern sind die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun.‘ So etwas reizt unseren Familiengeist, auch den Geist einer Dorfgemeinschaft zum Widerspruch, und wer das Anliegen Jesu nicht begreifen und übernehmen kann, der stellt da seine Stacheln auf. Da zeigen sich die Grenzen der natürlichen Nächstenliebe.

Aber ist die Botschaft des Evangeliums dann nicht doch eine eher finstere, bedrohliche Botschaft? Für Jesus ist es eine frohe Botschaft: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!“ Das Bild vom Feuer, das er gebraucht, ist ein altes biblisches Bild: das Feuer im Schmelzofen, ein doppeltes Bild – das läuternde Feuer, das alle Verunreinigungen in dem Edelmetall verbrennt, aber auch das Feuer, das die einzelnen Körner zusammenschmilzt, das aus Fremden eine neue Familie zusammenschmilzt und so sogar Spaltungen überwindet.

Aber dieses Feuer kommt nicht wie ein Blitzschlag vom Himmel. Jesus fährt fort: „Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.“ Es ist sein gewaltsamer Tod, von dem er da spricht. Erst dieser hatte die Kraft, seine bis dahin zerstrittenen Jünger zusammenzuschmelzen zu der neuen Familie. Ihn zu feiern, zu vergegenwärtigen, ihn neu unter uns wirksam werden zu lassen sind wir hier versammelt. Bitten wir darum, dass sein Feuer auch uns heute entzünde und zusammenschmelze.

Jeremia 38,4-10 gekürzt; Hebräerbrief 12,1-4; Lukasevangelium 12,49-53;
20. Sonntag im Jahreskreis, C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf