Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 53

A. Die enge Türe im Evangelium, warum ist das so? (von Tamás Czopf)
B. Das Befremdliche biblischer Texte (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen des 21. Sonntags im Jahreskreis C: Jesaja 66,18-21; Hebräerbrief12,5-13 gekürzt; Lukasevangelium 13,22-36.)

A. Die enge Türe im Evangelium, warum ist das so?

Warum ist denn die Tür, durch die wir gehen sollen, so eng? An einer anderen Stelle hören wir von Jesus Ähnliches: „Wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und es sind wenige, die ihn finden.“ (Mt 7,14) Warum ist es so? Ist es ein Beschluss Gottes oder eine Naturgegebenheit? Nirgendwo steht, dass die Tür irgendwann breiter wird und massenweise Menschen durchlassen wird. Sie scheint von ihrem Wesen her eng zu sein. Warum? Die Antwort, die ich fand, berührt zwei Bereiche:

Der kleine Rest

I. Das erste ist keine Überlegung, sondern ein Blick in die Geschichte. Die von der Bibel erzählte Geschichte Gottes zeigt auf Schritt und Tritt, dass die Tür eng ist.
a. Abraham ist ein Einzelner. Er muss Vaterhaus und Heimat verlassen, um den Zugang zu etwas Neuem zu finden. Aber auch sein Sohn Isaak und sein Enkel Jakob sind die einzigen unter mehreren Kindern, die in die Fußstapfen ihrer Väter treten.
Und jedes Mal ist ein Wunder dazu nötig, weil die natürlichen Mütter unfruchtbar sind.
b. Ähnlich hängt das Schicksal der Israeliten an einem Einzelnen, als Mose auf den Ruf Gottes hört und Bindeglied zwischen Gott und Israel wird. Er geht allein auf den Berg und bringt die Sozialordnung hinunter.
c. Es ist ein kleiner Rest, der den Verheißungen traut und aus dem Exil in Babylon den Heimweg wagt. Es sind nur wenige, die den Tempel aufbauen und darauf setzen, dass Gott die Geschichte des Heils weiterführt.
d. Auch Jesus, der zwar in Johannes dem Täufer einen Vorläufer und in den Jüngern Nachfolger hat, ist doch ein Einzelner, der seine Treue zu seiner Sendung in den schwierigsten Momenten in Einsamkeit erweisen muss.
e. Und der Kreis der Apostel schmilzt durch Judas und ist bis zum Äußersten gefährdet durch die Verleugnung eines Petrus und durch das Weglaufen der anderen.
Der Blick auf die Geschichte zeigt eine schmale Spur und eine enge Tür. Man hat allerdings den Eindruck, dass die Tür wegen der hohen Forderungen oder außergewöhnlichen Ansprüche nicht bloß für den Menschen eng ist; auch für Gott ist es eng; auch er steht ständig vor derselben engen Tür. Vielleicht sollten wir gar nicht so sehr bedauern, dass die Tür eng ist, sondern darüber staunen und uns darüber freuen, dass es sie überhaupt gibt. Und damit stoßen wir auf den zweiten Bereich.

Der Glaube kommt vom Hören, nicht aus uns

II. Die Tür bleibt eng und kann nur eng sein. Jedoch, die Entdeckung dieser Tür des Glaubens, des Reiches Gottes, die uns mit der Transzendenz Gottes und seines Willens verbindet, ist dennoch das Größte, was uns Menschen gegeben werden konnte. Die Natur dieser Tür ist das, was wir als „eng“ erfahren. Warum ist es so?
a. Als erstes: Der Glaube kommt vom Hören. Er liegt nicht einfach in unserer Natur, sondern muss von außen in uns hineinkommen.
Wir brauchen Erziehung, Kultur, eine Entwicklung, die unsere Gene nicht garantieren können. In der zweiten Lesung hörten wir: „… wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat.“ Wahrheit, Gerechtigkeit, Schönheit, Güte – das sind Dimensionen unserer Existenz, derer wir zwar bedürfen und die zwar zu uns bestens passen, die aber nicht von uns stammen. Wir müssen zu ihnen erzogen werden und zu unseren eigenen Maßstäben hochwachsen.
b. Damit hängt ein Zweites zusammen, das Joseph Ratzinger einmal „skandalösen Realismus“ nannte. Die Wahrheit des Glaubens und die Pflicht der Gerechtigkeit erlangen wir nicht durch bloße Anschauung und durch Nachdenken, sondern aus persönlicher Erfahrung im Blick auf die Geschichte und aus der Bibel. Gott hat Fakten geschaffen, bevor und ohne dass wir Theorien aufgestellt hätten. Das Volk der Juden oder die Person Jesu, die Figur des Petrus muss man sich nicht ausdenken, das sind Gegebenheiten. Den Glauben kann man deshalb nicht beweisen, sondern nur erproben. Dazu braucht es eine Entscheidung noch im Stadium der Ungewissheit.

Die Kirche, Verschiebung des Schwerpunktes meiner Existenz

c. Das hat dann ein Drittes zur Folge: Der Ort und die Quelle des Hörens, aus dem der Glaube stammt, liegt in einem konkreten „Wir“, dem Gottesvolk, der Kirche. Das macht die Tür heute für viele besonders eng. Aber die Gemeinschaft der Kirche, die auch mich umfassen will, wenn ich den Glauben suche, ist nicht bloß ein notwendiges Übel, sondern schon ein Stück des Raumes, in den ich durch die enge Tür eintreten darf, um das Heil zu finden.
Hier wird die Vision der ersten Lesung virulent: Im letzten Kapitel des Jesaja-Buches wird nicht bloß ein Rest Israels gesammelt, sondern sog. „Entronnene“ aus den Völkern werden zu Missionaren für ihre Brüder und Schwestern in den Nationen, damit Gottes Herrlichkeit bekannt gemacht wird, die er an seinem Volk in der Geschichte bereits gezeigt hat. Auch die Völker sind eingeladen zum Zion, eingeladen einzutreten oder zumindest hineinzuschauen durch die enge Tür.
d. Schließlich noch ein letzter Grund für diese scheinbare Enge, die uns zu Gott und Gott zur Welt führt: Der in der Gemeinschaft gelebte Glaube verschiebt die Mitte meiner Existenz. Man spricht davon, dass der Christ „exzentrisch“ ist. Das bedeutet, dass der Fokus seines Interesses nicht das Ich, sondern das DU ist. Eine große und schmerzliche Verschiebung, die aber zugleich befreit und erlöst. Zu den zentralen Lehren Jesu gehört, dass der Lebensdurst durch Verlust und Verzicht gestillt und das neue Leben durch das Kreuz zugänglich wird.
Jetzt versteht man vielleicht besser, dass es auch den Jüngern immer wieder mulmig wurde in Jesu Nachfolge. Aber wir dürfen nicht nur fragen, warum die Tür eng ist, sondern müssen auch wahrnehmen, dass ein Spalt sehr wohl geöffnet ist; und da könnten wir genauso fragen, warum denn:
Und wenn wir an dieser Frage stehen, stoßen wir auf unverrückbare Fundamente: auf die ewige und ständige Initiative Gottes und auf sein immerwährendes Erbarmen.

© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Das Befremdliche biblischer Texte

Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem „Aggiornamento“ von Papst Johannes XXIII und dem II. Vatikanischen Konzil gibt es in der Kirche die Hoffnung auf eine neue Weite, Abkehr von der Angst vor einem unbarmherzigen Gott, von einengenden Moralvorschriften, und es ist heute vielen in der Kirche wichtig, dieses zu erhalten, die Kirche wieder neu auf diese Linie zu bringen. Und jetzt stellt uns die Kirche diese befremdlichen Worte vor von der engen Tür; „viele werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen“, und diese Worte im Hebräer­brief: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat“, wie eine gar nicht mehr zeitgemäße Pädagogik. Es ist gut, das Befremdliche daran zuerst einmal wahrzunehmen, um dann zu fragen: Wie kann die Kirche uns das in der heutigen Zeit als „Wort des lebendigen Gottes“ vorstellen?

Die erschlafften Hände bei Jesaja und im Hebräerbrief

„Wort des lebendigen Gottes“ heißt ja nicht das, was fundamentalistische Christen und Moslems glauben, dass da ein Engel neben dem Schreiber gesessen und ihm das Wort Gottes ins Ohr diktiert habe. Aber wenn es Wort Gottes ist, dann ist es nicht einfach etwas Kluges unter dem Vielen, was es sonst auch gibt. Dann ist es für uns als Christen absolut bindend und richtet über unser Leben. Dann können wir nicht sagen: Jetzt fragen wir erst noch andere, Humanwissenschaftler, die es vielleicht noch ein bisschen besser wissen – als Gott?

Aber wie hat Gott gesprochen und sich als lebendig erwiesen? Ein ausgelassener Vers im Hebräerbrief gibt uns einen Hinweis: „Würdet ihr nicht gezüchtigt, wie es doch bisher allen ergangen ist, dann wäret ihr nicht wirklich seine Kinder.“ „Wie es doch bisher allen ergangen ist“, da ist von konkreten Erfahrungen des Gottesvolkes die Rede. Das Wort von den „erschlafften Händen“ und den „wankenden Knien“ nimmt Worte des Propheten Jesaja an das Volk Israel im Exil auf.

Dieser Tiefpunkt seiner Geschichte ließ es Gott neu entdecken. Alle Ereignisse – und gerade auch die schmerzlichen und bitteren – dienten dazu, befragt zu werden, was sie Israel lehren, was Gott da wohl meint. Die Reaktion der Glaubenden Israels war dann nicht Jammern über dumpf hereingebrochene Schicksalsschläge, sondern die Klage über die eigene Abkehr von den Wegen Gottes und die Sehnsucht nach Belehrung und Umkehr. So geht es auch bei solchen Worten wie im Hebräerbrief nicht um pädagogische Handlungsanweisungen, sondern sie erinnern daran, wie Israel im Blick auf die geschehene Geschichte den Willen seines Gottes gelernt hat.

Die aktuelle Situation, in die hinein der Hebräerbrief geschrieben ist, war gekennzeichnet von einer zunehmenden Ermüdung und Gewöhnung in den Gemeinden der Christen, wie wir sie doch auch heute feststellen müssen. Die tätigen Hände der ersten Generation, auch der Konzilsgeneration, waren abgearbeitet und die Knie derer, die berufen waren, Neues zu wagen, waren müde geworden. Und da stellt der Brief ihnen als Perspektive den Weg der Heilsgeschichte Gottes mit Israel und den Weg Jesu vor Augen.

Das Wort von er engen Türe als einer realen Erfahrung

Auch das Wort Jesu von der engen Tür spiegelt eine reale Erfahrung wieder. Es gab und gibt damals wie heute die engagierten Gläubigen, die sich ihrer Sache völlig sicher sind, es gar nicht für nötig halten, das Wort der Apostel zu hören, umzukehren oder noch einmal nachzufragen, was der Wille Gottes sei. Währenddessen entstand ganz an ihnen vorbei die Kirche aus Sündern und Ausländern und Heiden. Und die vorbildlichen Pharisäer sind auf einmal nicht drinnen, sondern draußen.

„Wir sind doch katholisch“, würden wir vielleicht heute sagen. Es nützt überhaupt nichts, dass sie mit ihm zu Tische gesessen sind, sagt Jesus, dass wir jeden Sonntag in die Kirche gegangen sind und Eucharistie gefeiert haben, wenn unser Glaube sich aber nur an Geboten und Verboten orientiert; dann bleiben wir nur Sklaven all dieser Gebote und Verbote.

Wenn wir in einer Pandemie nichts Besseres wissen als Anweisungen der Staats­regierung und der Virologen umzusetzen, dann werden die Menschen aus unseren Gemeinden fliehen – viele sind schon weggeblieben, weil sie die Kirche für ihr Leben als nicht systemrelevant erfahren haben –, wenn sie dort nur Enge und nicht Freiheit und Freude an einer neue Weise des Zusammenlebens vorfinden, die eine Antwort gibt auf die so unlösbar erscheinenden Probleme dieser Zeit: Gruppierungen von Glaubenden, die sie vor der tödlichen Isolierung bewahren, klein genug, dass sie nicht in einer Pandemie zu unüberschaubaren Infektionshotspots werden. Das Wort Jesu von der Tür, die verschlossen wird, ist da keine dunkle Drohung, sondern unmittelbar verständlich: Wir haben jetzt noch ein Zeitfenster, wo jeder sich überlegen könnte: Wer sind die vielleicht fünf Haushalte in meiner Umgebung, mit denen wir uns treffen können, um einander zu stärken, zu Hausgottesdiensten, wenn es wieder zu Kontaktbeschränkungen kommen wird, und davon ist für den Herbst schon die Rede. Dann ist das Zeitfenster, die Tür geschlossen.

Das Ziel Gottes

Und dann steht im heutigen Evangelium neben dem harten Wort Jesu von der engen Tür das ganz andere Bild aus der Vision des Propheten Jesaja: Da kommen die Völker aus allen Himmelsrichtungen und setzen sich an Gottes Tisch. Von gar keiner Tür ist da mehr die Rede, weder von einer engen, noch von einer verschlossenen. Erst von hier aus sehen wir, worum es Gott eigentlich geht: Das Ziel sind nicht selbstzufriedene Kuschelgemeinden. Ziel ist das Mahl aller Völker am Tisch Gottes. Aber dazu braucht es die in der Zeit der Not „Entronnenen“, von denen Jesaja spricht, die den Ort erstellen, den Tisch bereiten, zu dem dann alle kommen können, die wollen. Damals war es nur ein kleines Häuflein, die die neue Möglichkeit ergriffen, aus Babylon nach Jerusalem zurückzukehren und es wieder aufzubauen. Einige wenige, die den Anfang machen, braucht es.

Das heutige Evangelium ist von einem großen Ernst, den man nicht wegreden darf. Es geht um das Überleben und Lebendig-Bleiben der Heilsgeschichte, es geht um eine Erneuerung der Kirche in unserer gegenwärtigen Generation, um eine erneuerte Lebensform im Glauben, die einleuchtend, überzeugend, anziehend und mitreißend ist nicht nur für die 50–70-Jährigen, sondern auch für die 15-, 20- bis 30-Jährigen. Es ist eine drängende, aber keine angstmachende Botschaft. Die lahmen Glieder sollen nicht ausgerenkt, sondern geheilt werden, sagt der Hebräerbrief.

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf