Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 54

Es kann Jesus doch wohl nicht um Anstandsregeln gehen

Was wir im heutigen Evangelium gehört haben, sieht auf den ersten Blick wie eine Anstandsregel aus. Aber kann es das sein, dass das Evangelium Anstandsregeln und Bescheidenheit lehren will, wo doch Bescheidenheit überhaupt kein Ideal Jesu war, der zum Unterschied zu dem bescheidenen Asketen Johannes dem Täufer Fresser und Weinsäufer geschimpft wurde? Und dann ist es hier noch solch eine berechnende Bescheidenheit, die nur allzu durchsichtig ist auf ihre Absicht hin: Der Gast setzt sich bewusst auf einen „schlechten“ Platz mit der Absicht, einen besseren angeboten zu be­kommen. Das kann es nicht sein, was Jesus propagiert.

Hintreten zum himmlischen Jerusalem

Und gleichzeitig haben wir im Hebräerbrief einen ganz anderen Ton gehört. Dort wird den bedrängten Gemeinden, durchschnittlichen Menschen, in einer großen Kühnheit ohne eine Spur von Bescheidenheit zugesagt: „Ihr seid hingetreten zum Berg Zion, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Gott, zu Tausenden von Engeln und zu den schon vollendeten Gerechten.“ Die Kirche hat uns das zu diesem Sonntag nebeneinander gestellt und es steht nebeneinander in der Bibel. Wie geht das zusammen, in einem Leben? Trennen dürfen wir das nicht: das eine am Sonntag und das andere während der Woche oder das eine im Diesseits und das andere dann im Jenseits.

Jesus nimmt die Gedanken der jüdischen Weisheitslehrer wie Jesus ben Sirach auf und auch alle möglichen Phänomene des Lebens, Wachstumsgesetze der Natur, Krankheiten, Unfälle, Handel und Geschäft, sogar kriminelles Verhalten und macht sie zu Gleichnissen für die umstürzend neue Lebensweise unter der jetzt anbrechenden Gottesherrschaft.

Und dass er jetzt ein Mahl und das Gerangel bei der Tischordnung, das er wahrnimmt, als Beispiel nimmt, ist nicht zufällig. Das Mahl ist in der Tradition Israels ein Bild, ein Inbegriff für die Erfüllung aller Geschichte und aller menschlichen Sehnsucht. Denken wir an die Verheißung bei den Propheten vom Mahl der Völker auf dem Berg Zion als dem Ursprungsort des visionär ersehnten und gläubig erwarteten Weltfriedens.

Selbstverständlich sucht jeder im Leben die besten, die ersten Plätze, wo man am meisten erlebt, wo man alles mitbekommt, wo man in nächster Nähe des Geschehens ist. Es ist ein Vitalinteresse des Menschen, und wenn Gott ihn erreichen und ansprechen will, knüpft er an einem solchen Vitalinteresse an. Das Interesse des Schöpfers ist nichts anderes, als dass der Mensch das Leben hat und es in Fülle hat. Da ist Bescheidenheit und Zurückhaltung fehl am Platz.

Bescheidenheit und Demut sind nicht dasselbe

Anstelle der Bescheidenheit brachte da ein Mitbruder von mir einen Begriff ins Spiel, der auf den ersten Blick einen ähnlichen Klang hat, der heute ganz in Vergessenheit geraten und verachtet ist: Nicht Bescheidenheit, sondern Demut brauche es. Das ist etwas ganz anderes. Was ist das? Demut ist die Konsequenz aus dem Wissen, woher das Leben und die Würde des Menschen kommen, und dem Wissen, dass unser Kampf um unser Glück, unser Streben nach den guten Plätzen im Leben immer nur auf Kosten anderer ginge und nur zum Überleben der Stärkeren führte, in der Gesellschaft, in der Politik, am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Ehe.

Da wäre es falsche Bescheidenheit, sich kampflos damit abzufinden, dass wir Christen immer zu den Unterlegenen gehören. Demut lässt uns kämpfen für das wirkliche Leben, dass es dieses Fest, diese Hochzeit, wovon Jesus und die Propheten reden, in der Welt gibt, für das Bewusstsein, dass jeder eine unüberbietbare, unvergleichliche Würde hat, und dass das Leben ein Fest sein soll, täglicher Lobpreis Gottes für dieses Geschenk. Wer hilft, diesen Ort zu erstellen, wo jeder das Leben in Fülle als Geschenk bekommt und den besten Platz, der für ihn seit der Schöpfung bereitet ist, wo es keine ersten und letzten gibt, keine Gewinner und Verlierer, sondern alle Beschenkte sind, denen geholfen wurde? Und das muss ein realer Ort sein, nicht nur eine Vorstellung im Inneren unseres Herzen.

Die Kirche zögert nicht, unbescheiden, wie sie sein muss, sich als diesen Ort zu sehen, anzubieten, hier und heute. Viele verlangen von der Kirche, dass sie bescheidener sein und Wahrheit, Offenbarung und Leben nicht nur für sich beanspruchen soll, sondern allen zugestehen, es habe doch jeder irgendwie recht. Aber das kann sie nicht. Und weil sie nicht bescheiden sein kann, muss sie demütig sein, denn sie weiß, ihr Anspruch stammt nicht von ihr selber. Sie ist nicht aus eigener Kraft, was sie ist, wofür dann so große Worte gefunden wurden wie „Hochzeitssaal“, „himmlisches Jerusalem“, „Versammlung von den Engeln und den vollendeten Gerechten“. Das verdankt sie allein dem, der sie gestiftet und berufen hat.

Die Gesammelten am Tisch der Gottesherrschaft: Eine neue Tischordnung 

Die Kirche, jede Gemeinde, jedes Glied in ihr weiß genau, dass sie aus sich heraus nicht besser ist als andere Gemeinschaften, Religionen, und wo ihr das nicht mehr bewusst ist, wird es ihr von den Zeitgenossen unbarmherzig vor Augen geführt. An ihrem Tisch sitzen nicht die Starken und Erfolgreichen, nicht die Helden vollkommener Gerechtigkeit, sondern die Lahmen, die Blinden und die Sünder. Denn wer von uns sieht das Richtige? Wer handelt nach dem Erkannten? Wir humpeln und stolpern doch auf eigenen Wegen, auf Wegen, die uns die Meinungsmacher unserer Gesellschaft anpreisen. Keiner kann das Glück und das Leben nach dem Maß des Schöpfers selber erreichen, sich verdienen oder sich erkämpfen.
Mit ein wenig besseren Manieren ist es da nicht getan und sie zu predigen nützt nichts. Damit konnte schon Jesus nichts ausrichten.

Der Rangstreit der Jünger, ihr Gieren nach dem größeren Ansehen und der größeren Bedeutung hörte nicht auf bis in den Abendmahlssaal hinein. Die neue „Tischordnung des Reiches Gottes“ ist erst dadurch in die Welt gekommen, dass Jesus da seinen Jüngern die Füße gewaschen, den Dienst eines Sklaven getan hat, was keiner tun will. Das war so herausfordernd, so umstürzend, dass es selbst die Frommen gegen ihn aufbrachte und ihm den Tod brachte.

Erst dieser Tod hat seinen Jüngern und uns unsere wahre Situation aufgedeckt und uns das neue Miteinander um den einen Tisch geschenkt, hat das Festmahl Gottes in unserer Mitte möglich gemacht und uns die Möglichkeit eröffnet, neu miteinander umzugehen. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“, das allein ist das Heilmittel gegen die unausrottbare Ur- und Erbsünde des Hochmuts und Stolzes, nicht ersetzbar durch kluge Worte, auch nicht durch eine noch so gut gestaltete Wort-Gottes-Feier.

Es geht also nicht darum, ein wenig netter zueinander zu sein, sondern zu begreifen, was uns geschenkt ist: ein neues Leben in der Stadt des lebendigen Gottes, das Hinzutreten zu einer festlichen Versammlung, die Teilnahme an dem endzeitlichen Mahl, das heute schon beginnt, zu dem wir jetzt geladen sind.

Diese Erfahrung, dieses Wissen in der Kirche ist ihre große, ihre einzige Stärke, die sie demütig und glaubwürdig macht. Und das ist auch der Grund für die Freude und Ge­wissheit, die wir in jeder Versammlung und jedem Gottesdienst erfahren dürfen, dass wir ohne unsere Leistungen bereits in diesen Raum des neuen Lebens hereingezogen und zu Tisch geführt wurden, wo uns statt dem Konkurrenzkampf gegeneinander ein neues Miteinander ermöglicht ist und wo wir Gott danken können für das Leben von jedem von uns, und das wollen wir in diesem Gottesdienst tun.

Jesus ben Sirach 3,17-29 gekürzt; Hebräerbrief 12,18-24; Lukasevangelium 14,1.7-14;
22.Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf