Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 55

Das Wort von der Kreuzesnachfolge

Was wir heute als Heilige Schrift vor uns haben, ist in einem gläubigen Aussonderungsprozess entstanden. Es gab viel mehr fromme Bücher unter dem Titel und im Stil von Evangelien als die vier Evangelien, die die Kirche in diesem kritischen Prozess als echt anerkannt hat. Wenn man sich jetzt einmal vorstellt, eines der Gremien, die wir heute in der Kirche hier in Deutschland haben, hätte über die Worte zu entscheiden, die wir gerade gehört haben, ob sie in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen werden:
Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein“,
ich weiß nicht, ob sie durchgingen oder zumindest mit einer Fußnote abgemildert würden, dass mit dem Kreuz für uns die Leiden des Alltags gemeint seien, die jeder zu tragen hat. Aber so war es ganz sicher nicht gemeint. Im Sprachgebrauch der damaligen Zeit war „Kreuz“ nicht eine Metapher für jegliche Leiden, sondern die grausamste und entwürdigendste Hinrichtungsart, die nur an Sklaven und Ausländern ohne römisches Bürgerrecht vollstreckt werden durfte, und ein römischer Schriftsteller schreibt, schon das Wort sei für ihn so abstoßend, dass er sich scheue, es in den Mund zu nehmen. Das ist es, von dem Jesus spricht, wozu der bereit sein muss, der ihm nachfolgen will.

Salz der Erde sein

In der Diskussion um das Priesteramt wird heute oft gesagt, die Kirche solle die Zu­gangsbedingungen erleichtern, damit es wieder mehr Priester gebe, z.B. den Zölibat abschaffen. Die Bedingung, die Jesus für seine Jüngerschaft nennt, ist jedenfalls unvergleichlich härter. Aber er vergleicht seine Jünger mit dem Salz. Es braucht nur eine kleine Menge davon für eine Speise, aber wenn das Salz seine Schärfe verliert, ist es nicht mehr zu gebrauchen; dann helfen auch große Mengen nichts.

So steht hinter der gegenwärtigen Diskussion um das Weiheamt vielleicht auch ein weiteres Missverständnis: Es wird gesehen wie ein Dienstleistungsberuf, wo ein be­stimmter Bedarf besteht und es darauf ankäme, das Angebot nicht zu verknappen. Aber Dienstleistungen, auch seelsorgliche, können auch von anderen erbracht werden, die eine entsprechende Begabung mitbringen und eine Qualifikation erworben haben. Jüngerschaft Jesu ist etwas anderes: die notwendige kleine Menge Salz.

Aber auch dann, um der Nachfolge willen, um der Kirche willen Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar das eigene Leben gering zu achten, also die eigene Familie in ihrer Bedeutung der Kirche und der Frage des Glaubens unterzuordnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen, freiwillig wegen der Weitergabe des christlichen Glaubens auf etwas zu verzichten, was man auch haben könnte, was einem unverzichtbar erscheint, wem ist das zuzumuten?
Jesus gebraucht da einen Vergleich, der uns heute auf einmal gar nicht mehr so fern ist: den Vergleich mit dem Krieg, wo der, der sich darauf einlässt, kalkulieren muss, ob seine Mittel, seine Waffen, die Stärke seiner Truppen dafür ausreichen. Und auf einmal, unter gewaltigem Druck, ist es möglich, auf russisches Gas zu verzichten, auf angenehm temperierte Wohnungen und Büros und auf manches andere, was nicht mehr erschwinglich ist. Es ist das, wovon Jesus in seinem Vergleich spricht.

Eines ist aber anders: Ich habe ergänzt „unter gewaltigem Druck“. Davon kommt in dem Gleichnis Jesu nichts vor; diejenigen, die er anspricht sind selbstverständlich frei, zu entscheiden, ob sie sich darauf einlassen wollen, ihm nachzufolgen, oder lieber nicht. Dabei ist diese Freiheit gar nicht so selbstverständlich.

Das jüdisch-christliche Maß: in Freiheit

Davon handelt die zweite Lesung, die uns die Kirche heute daneben gestellt hat. Es ist ein Ausschnitt aus dem Philemonbrief, einem kurzen persönlichen Brief des Apostels Paulus, aus dem nur dieses eine Mal in den drei Lesejahren gelesen wird. Aber darin ist ein Maß aufgestellt, so dass die Kirche ihn in die Heilige Schrift aufgenommen hat. In dem Brief geht es um den Sklaven Onesimus, der seinem Herrn Philemon offenbar davongelaufen ist, sich bis Rom zu Paulus durchgeschlagen hat, ihm in seinem Hausarrest Hilfsdienste geleistet hat und sich hat taufen lassen. Und jetzt ergibt sich ein Problem: Ein Christ, auch ein Jude darf einen Glaubensbruder, eine Glaubensschwester nicht als Sklaven halten. Schon in der Tora wird erinnert: Denkt daran, dass ihr selber Sklaven wart in Ägypten! (Vgl. Dtn 16,12).
Philemon wäre also als Christ nun verpflichtet, Onesimus freizulassen. Jetzt stellen wir uns einmal vor, das wäre heute, da würden diejenigen, die sich für Menschenrechte stark machen, in den Medien einen Entrüstungssturm gegen Philemon entfachen, einen Druck auf ihn ausüben, dem kaum einer standhalten könnte, und in distanzierteren Medien wären dann süffisante Kommentare zu lesen unter der Überschrift „Zunehmender Druck auf Philemon“. Hier ist es ganz anders. Paulus fordert es nicht ein, Onesimus freizulassen, sondern schickt ihn zu Philemon zurück und verweist auf ein noch gewichtigeres Gesetz: „Deine gute Tat soll nicht erzwungen, sondern freiwillig sein.“ Jakobus schreibt einmal von dem „vollkommenen Gesetz der Freiheit“ (Jak 1,25). Dieses Gesetz ist seit allen Zeiten uns Menschen äußerst fremd, aber grundlegend für den Raum der Gottesherrschaft.

Die Kirche hat letztlich das römische Reich mit seiner Sklavenhaltergesellschaft über­wunden, aber nicht, indem sie Forderungen gestellt hat, Druck ausgeübt hat, auch nicht durch Aufstände, sondern indem die Christen selber ihre größere Gerechtigkeit praktiziert haben. Dafür wurden sie im römischen Reich verfolgt wie niemand sonst, denn der Staat wusste: Das ist die stärkste Herausforderung, mehr als jede Revolution, wenn eine Gruppe von Menschen, ohne dazu gezwungen zu sein, Werte vorlebt, die faszinieren. Schon in der Tora heißt es: „Darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennen lernen, müssen sie sagen: ‚Welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung?‘“ (Dtn 4,6). Politischen Druck auszuüben, läuft dagegen meist auf ein Kräftemessen hinaus, wer gerade stärker ist, und die Unterlegenen werden unterdrückt. So wiederholt es sich immer wieder mehr oder weniger grausam. Im Bereich der Gottesherrschaft gibt es ein anderes Gesetz, das Gesetz der Freiwilligkeit, wie es uns im Philemonbrief begegnet.

Leiden der Kirchengeschichte nicht wiederholen

Und gleichzeitig ist dieses Gesetz der Freiheit unter uns Christen oft genug in Vergessenheit geraten. Ich habe an dieser Stelle schon einmal an den heiligen Augustinus erinnert, dessen Gedenktag am vorigen Sonntag war. Er war als Bischof von Hippo im heutigen Algerien in die Auseinandersetzungen mit einer Gruppe, den Donatisten, verwickelt, die sich von der Kirche abgespalten hatten, und wo es nicht gelang, sie zurückzuholen, so dass seine Mitbischöfe die Staatsgewalt zu Hilfe holten, die dann um der Einheit des Reiches willen die Donatisten mit allen Machtmitteln des Staates gewaltsam unterdrückte.
Augustinus war sehr unglücklich darüber, aber konnte es nicht verhindern. Ein Bericht darüber endet damit, dass die Verbitterung über dieses gewaltsame Vorgehen des oströmischen Staates die Kirche in Nordafrika entscheidend geschwächt hat, so dass sie dann nicht mehr die innere Kraft hatte, dem Ansturm des Islam standzuhalten, und dadurch völlig vernichtet wurde – Folgen, unter denen die verbliebenen Christen dort bis heute bitter zu leiden haben.

Paulus hatte ein Maß aufgestellt, keine Forderungen an Philemon gerichtet, sondern ganz auf seine Freiwilligkeit gesetzt. Die Antwort des Philemon ist nicht überliefert, aber vielleicht ist das gut so. Die Antwort müssen wir immer neu geben – in ganzer Freiheit.

Buch der Weisheit 9,13-19; Philemonbrief 9b-10.12-17; Lukasevangelium 14,25-33;
23. Sonntag im Jahreskreis C
© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf