Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 56

A. Die Freude über das Wiederfinden (von Tamás Czopf)
B. Dem einen oder den neunundneunzig anderen nachgehen (von Konrad Wierzejewski)

(Die Texte beziehen sich auf die biblischen Lesungen des 24. Sonntags im Jahreskreis C: Exodus 32,7-14; erster Brief an Timotheus 1,12-17; Lukasevangelium 15,1-32.)

A. Die Freude über das Wiederfinden

Gleichnisse über Verlieren und Wiederfinden: ein Schaf, eine Drachme, ein Sohn … Unsere Liturgie schafft wieder eine sehr spannende Verbindung zwischen den Worten Jesu und einem Text aus der Tora, dem Buch Exodus, den wir als Lesung gehört haben. Dort scheint das ganze Volk Israel verloren zu sein. Die Gleichnisse im Evangelium – und letztlich auch diese Lesung – laufen alle auf ein ganz bestimmtes Motiv hinaus: nämlich auf die Freude über das Wiederfinden.

Das Verlorene: Das Vertrauen auf Gott

Die neuere Bibel-Katechese hat den Titel des vielleicht bekanntesten und beliebtesten Gleichnisses von „der verlorene Sohn“ auf „der barmherzige Vater“ korrigiert, was sicherlich richtig ist. Aber die Spitze der Geschichte ist die Freude des Vaters. So wäre der Titel noch zutreffender: „Die Freude über das Wiederfinden“ oder noch genauer: „Die Freude über die Umkehr“.

Um diese Freude besser zu verstehen, lohnt es sich, einen weiten biblischen Bogen zu schlagen: Wer und was ist eigentlich verloren; und wie geschieht das Wiederfinden, die Rückkehr? Wie kommt es zu dieser großen Freude, die uns am Anfang des neuen Arbeitsjahres diese Texte vorstellen wollen?

Fangen wir an, wo es anfängt! Der größte Verlust begegnet uns gleich am Anfang der Bibel in der Paradiesgeschichte: Aus der Perspektive des Menschen geht das Paradies verloren, die Unschuld, das Vertrauen in Gottes Güte, die Unmittelbarkeit im Verhältnis zum Schöpfer, die Willenseinheit mit dem Vater; aus Gottes Perspektive geht der Mensch, das Ebenbild Gottes verloren, seine Nähe und Freundschaft, die Verständigung und die Zustimmung zur Schöpfung. Adam und Eva werden aus dem Garten weggeschickt, dieses Verlassen und Weggehen hängt letztlich aber auch an der Freiwilligkeit – dem Essen der Frucht vom Baum – wie im Gleichnis, wo der Sohn mit seinem Erbe aus freien Stücken das Vaterhaus verlässt und aufbricht. Seither läuft zwischen Gott und Mensch eine Entfernungs- und Annäherungsgeschichte: wie der „verlorene Sohn“ sucht der Mensch sein Glück; und wie im Gleichnis wartet der Vater auf seine Rückkehr.

Die ausstehende Rückkehr in Gottes Vaterhaus

Die gleiche Verlustgeschichte einer Gemeinschaft finden wir wenige Kapitel später im selben Buch Genesis, als Gott – über die Bosheit der Menschen entsetzt – mit Noach einen neuen Anfang setzen will. Hier geht die ganze Menschheit verloren, die „99 Schafe“ sozusagen, und bloß ein einziges, Noach, wird gerettet; eine Rückkehr der Verlorenen ist noch nicht möglich. Aber eine Kontrastgeschichte zeichnet sich ab, die mit Abraham beginnt und die noch ausstehende Rückkehr der Menschheit in Gottes Vaterhaus erzählt

Auch Abraham ist bald Zeuge einer Verlustgeschichte, als Gott auf die Erde hinabsteigt, um die Stadt Sodom zu vernichten, die wieder in Bosheit verstrickt ist. Aber auch hier können bloß Lot und seine Töchter gerettet werden, die Stadt geht verloren.

Der Höhepunkt in der Geschichte des Verlorengehens und Wiederfindens ist aber meiner Meinung nach diese Wüstengeschichte, aus der wir einen Abschnitt gehört haben. Hier geht für Gott das ganze Volk verloren, das er erwählt, vorbereitet und frisch aus Ägypten gerettet hat; vom Volk her gesehen gehen die Geduld, die Treue, das Vertrauen verloren und damit auch die Nähe des befreienden Gottes und seine Führung durch die lebensfeindliche Wüste ins wohnliche Land, wo Milch und Honig fließen.

Da wird nun ein Gespräch zwischen Mose und Gott geschildert, einer der bemerkenswertesten Dialoge in der Bibel. Mit Noach hat Gott noch kein Gespräch geführt, er wurde erwählt und hat Anweisungen bekommen. Mit Abraham war das Gespräch bereits möglich, er handelt die zur Rettung von Sodom notwendige Zahl der Gerechten auf zehn herunter. Aber zu einer Rettung der Stadt hat es nicht gereicht.
Jetzt, mit Mose, passiert etwas Erstaunliches: am Ende des Gesprächs kehrt nicht das verlorengegangene Volk um, sondern Gott: „Da ließ sich der Herr das Unheil reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.“

Das neu ermöglichte Gespräch mit Gott

In diesem Gespräch wird das Paradies so weit wiederhergestellt, dass Gott mit einem Menschen in Augenhöhe reden kann. Die Unmittelbarkeit zwischen Mensch und Gott ist wieder da, die Willenseinheit zwischen Gottes Plänen und den menschlichen Gedanken ist wieder gegeben: Denn Mose identifiziert sich ganz mit Israel und ganz mit Gott und seinen Verheißungen. Mose nimmt Gott konsequent beim Wort. Aus dem Text spürt man, wie Gott seinen Atem anhält und darauf wartet, dass Mose ihm widerspricht. Sein Vorschlag, das abgefallene Volk zu vernichten und mit Mose neu anzufangen, ist weder Gottes noch des Menschen würdig. Wie wenn Mose in diesem Augenblick verstehen und zum ersten Mal aussprechen würde, dass Gott der liebende und hoffende Vater ist, der auf sein verlorenes Volk wartet, um ihm mit seinem Erbarmen entgegengehen.

Mose muss Gott weder überzeugen noch überreden, er und das Volk müssen verstehen, dass Gottes Freude in der Umkehr seines Volkes und jedes Einzelnen in ihm besteht. Und an der Figur des Mose wird auch deutlich, dass ein einziger Mensch ausreichen kann, um das ganze Gottesvolk auf dem Weg Gottes zu halten.

In der Noach-Geschichte reute es Gott, den Menschen gemacht zu haben (Gen 6,6), jetzt reut es ihn, dass er den Menschen vernichten wollte. Die Geschichte wird bekanntlich weitergehen, Mose zerschmettert die Gesetzestafeln und das goldene Kalb, und schließlich wird das Volk dem Gesetz Gottes einstimmig zustimmen.
Aber dem geht die Zusage voraus, dass Gott das Volk weiterhin eigenhändig führen und persönlich begleiten wird, dass sich seine Herrlichkeit nicht von ihm zurückzieht.

Die Vergegenwärtigung , das Eingedenken an Gottes rettendes Handeln

Der verlorene Sohn kehrt im Gleichnis nur um, weil er eine Erinnerung an seinen guten und gerechten Vater besitzt. Dieses Bild des Vaters ist die Voraussetzung zur Umkehr. Der Vater ist offenbar zuversichtlich genug und behält den Sohn nicht mit Gewalt zu Hause, er setzt auf die Umkehrfähigkeit und -willigkeit des Sohnes und überrascht ihn mit seinem Erbarmen. Jesus will dieses Gottesbild seinen Jüngern einprägen, damit sie furchtlos und zuversichtlich die Umkehr ergreifen, die der alte Weg zurück ins Paradies ist.
Darin ist nicht nur das Glück des Menschen, sondern auch die große Freude Gottes grundgelegt, die der Prophet Zefanja am eindrücklichsten beschreibt: „Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.“ (Zef 3,17)

© Dr. Tamàs Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Dem einen oder den neunundneunzig anderen nachgehen

Lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem ver­lorenen nach, bis er es findet?“ So sollen also auch wir den Verlorenen nachgehen, uns den Randgruppen zuwenden, den Abständigen. Aber wenn wir genauer hin­schauen, wie sieht das aus: die neunundneunzig Gerechten zurücklassen und dem einen verlorenen nachgehen? Die 99% Kirchgänger lassen und dem 1% Abständiger nachgehen? Das Verhältnis ist doch bei uns ein ganz anderes.

Was geschah damals am Sinai mit dem goldenen Kalb?

Aber das ist nicht neu. Da steht daneben die Lesung aus dem Buch Exodus, und da ist die Lage ungleich dramatischer: Da ist ganze Volk verloren. Es betet das goldene Stierbild an. Wir sehen dahinter gewöhnlich den Materialismus, die Anbetung des Wohlstands, des Konsums, und dagegen haben wir uns ja schon eine kritischere Haltung zugelegt. Aber genau das war es nicht. Wenn wir uns die Situation noch einmal vergegenwärtigen: Mose war von Gott gerufen worden, ihm auf dem Berg Sinai zu begegnen, wo niemand mitgehen durfte, und nun kam und kam er nicht zurück, so dass sich das Volk die Frage stellte: Können wir mit ihm noch rechnen? Müssen wir die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, Gottesdienste, Feste organisieren, wie wir es gelernt haben, mit Aaron als Anführer? Sie hingen nicht an dem materiellen Wohlstand, im Gegenteil: Sie wussten, für das Fest zu Ehren Gottes muss man alles einsetzen, und so gaben sie allen Goldschmuck her und ließen daraus ein prächtiges Gottesbild gießen und feierten ein glänzendes Fest zur Ehre Gottes, wie sie meinten.

Ist das nicht durchaus aktuell? Diejenigen, denen die Leitung der Kirche aufgetragen ist, scheinen weit weg zu sein von dem, was unserer Ansicht nach unsere Lebenswirklichkeit ist. Müssen wir da die Sache nicht selbst in die Hand nehmen, einen eigenen „synodalen Weg“ gehen, wie wir es verstehen, uns auf eigene Berater stützen? Selber Verantwortung übernehmen und handeln ist ja ganz richtig. An welchem Punkt wurde es falsch damals am Sinai?
Das Volk fragte nicht mehr nach der Führung Gottes, nach seinem immer fremden Willen. Es machte einfach, was es selbst für richtig hielt.

Was schrieb Papst Franziskus?

Vor drei Jahren habe ich aus dem Brief zitiert, den Papst Franziskus da „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ geschrieben hatte. Der Brief wurde weitgehend, auch hier, nicht aufgenommen. So wiederhole ich das Zitat jetzt noch einmal; es hat nichts an seiner Aktualität verloren: Ein ‚synodos‘, ein gemeinsamer Weg unter der Führung des Heiligen Geistes. „Das […] bedeutet, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche unter dem Licht des Heiligen Geistes, unter seiner Führung und seinem Aufrütteln, um das Hinhören zu lernen und den immer neuen Horizont zu erkennen, den er uns schenken möchte. Denn die Synodalität setzt die Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer. …
Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, allein aus ihren Problemen heraus­zukommen, und lediglich auf die eigenen Kräfte, die eigenen Methoden und die eigene Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten.“
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Dabei werden wir uns auch immer wieder verirren, an die Wand fahren, um ein früheres Bild von Papst Franziskus zu gebrauchen, wenn er von einer verbeulten Kirche sprach, die ihm lieber sei als eine schlafende Kirche.
Das Volk Israel war mit Aaron so an die Wand gefahren, dass es wie ein Totalschaden aussah. Die Schlussfolgerung Gottes ist: „Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es. Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.“ Gott ist mit seinem Plan mit diesem Volk gescheitert. Nur mit Mose will er weitermachen.

Gott hat sich der Mitwirkung der Menschen ausgeliefert

Bei dem Zorn Gottes, der das Volk verzehren soll, haben wir leicht das Bild eines mächtigen, tyrannischen Herrschers vor Augen. Aber genau das gegenteilige Bild wird uns hier gezeigt: Gott hat sich in einer Art Selbstverpflichtung so an die Menschen und ihre Mitwirkung gebunden, dass er jetzt völlig hilflos mit seinem Plan dasteht, wenn er keine Menschen, kein Volk findet, das ihm folgt und in der Welt seinen Willen tut. Mit diesem Volk ist das nicht zu machen, nur mit Mose und vielleicht ganz wenigen.

Sind wir besser als das Volk Israel? Damit wäre also die Geschichte zu Ende, die Geschichte Israels, die Geschichte des Christentums in Deutschland, in der Pfarreiengemeinschaft Geltendorf.

Aber dann geschieht das Wunder: Dieser Mose, der sich hätte geschmeichelt fühlen können, dass Gott mit ihm als einzigem die Geschichte weiterführen will, reagiert ganz anders: Er legt vor Gott Fürsprache ein für dieses unmögliche Volk: „‚Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt. … Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest.‘ Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.“

Der Glaube des einen, der Glaube einiger

Hat Mose Gott umgestimmt? Nein, man braucht Gott nicht umzustimmen. Sondern Gott hat jemanden gefunden, der sein Herzensanliegen teilt: dass diese Geschichte des Heiles nicht aufhört – um der Welt willen. Wegen dieses Glaubens des Mose, der nicht auf das Eigene schauen lässt, kann Gott seinen Zorn vergessen: Denn er hat ein lebendiges Werkzeug gefunden, das seinem Herzen ähnlich geworden ist.

„Gott liebt eine verbeulte Kirche“, das sind schöne Worte, aber es bleiben leere Worte, wenn sich nicht Menschen finden wie Mose, die liebend eintreten für die konkrete Gemeinde, die sich als so unmöglich erwiesen hat. Die Frage ist, ob es auch heute einen wie Mose gibt, der die Not Gottes zu seiner eigenen macht, die Not Gottes, ob er ein Volk hat, das seine Herrlichkeit auf der Erde sichtbar werden lässt, oder ob die Agnostiker sagen müssen: „Wo ist denn ihr Gott?“ Einen, der deshalb Fürsprache einlegt für sein so verlorenes Volk, Fürsprache, die dann auch Konsequenzen hat. Für Mose blieb es ja nicht bei einem Gebet, mit dem er es Gott zugeschoben hätte, dieses Volk weiter zu führen, sondern er ließ sich die Last aufladen und oft genug hören wir ihn dann klagen: „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen, es ist mir zu schwer. Wenn du mich so behandelst, dann bring mich lieber gleich um“ (Num 11,14-15).

Dieses Erbarmen Gottes mit dem Volk konkretisiert sich an Einzelnen, die es in ihrem Leben erfahren, wie Paulus, der bekennt: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste. Aber ich habe Erbarmen ge­funden.“ Auch das ging über konkrete Menschen. Einen Hananias brauchte es da, der sich des Saulus annahm, als er blind war und von der Gemeinde beargwöhnt wurde, und ihn in die Gemeinde einführte, und viele andere, Menschen wie Mose.

So stellt dieser Sonntag heute die Frage: Ist einer, sind einige Getaufte und Gefirmte da, die nicht stehenbleiben bei dem Satz „Mose ja – Israel nein, Jesus ja – Kirche nein!“, bei der Feststellung, dass dieses störrische Volk ungeeignet ist für die Ge­schichte Gottes, sondern die Fürsprache einlegen für dieses Volk und sich die Last aufladen lassen bis in die konkrete Sorge um jeden einzelnen Verlorenen, wie es Paulus an sich erfahren durfte und als Verheißung formuliert hat: „Ich habe Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut beweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben.“

© Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf

1 Den Text des Briefes können Sie hier nachlesen.