Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 57

Was ist das für ein Leben, zu dem der Christ berufen ist?

Das Gleichnis vom „ungerechten Verwalter” ist sperrig und anstößig. Schon der Evangelist tut sich schwer, es richtig einzuordnen, was man daran sieht, dass mehrere Deutungsworte angefügt wurden, die es in unterschiedlicher Weise zu erklären versuchen, nicht dass man auf den Gedanken kommt, das verkehrte Verhalten des Betrügers nachzuahmen. Ich frage mich, ob Jesus seine Zuhörer manchmal schockieren wollte, damit sie auf neue Gedanken kommen und ihm überhaupt zuhören…

Das gleiche Grundanliegen bei Amos und bei Jesus

Beim Hören des Evangeliums entsteht auch eine Reibung mit der ersten Lesung: Dort verdammt der Prophet Amos mit scharfen Worten das unmoralische Handeln seiner Zeitgenossen. Erst bei näherem Hinschauen wird es einem klar, dass die Anliegen beider Texte gar nicht so weit voneinander liegen.

Beiden Texten geht es um das Reich Gottes. Gott will eine Lebensmöglichkeit für den Menschen in die Welt einpflanzen, die nach seinen Maßgaben für jeden einen glückenden Lebensweg eröffnet.

Aber wie entsteht und was ist das Reich Gottes? Dieselbe Frage anders formuliert bei Lukas: Welchen Herren will man dienen?

Es ist für Juden selbstverständlich, dass damit die soziale Frage wesentlich betroffen ist. Das Reich Gottes ist ein gemeinschaftliches Phänomen, wo gerade diejenigen einer besonderen Aufmerksamkeit der anderen bedürfen, die am Rande der Gesellschaft vielen Herren ausgeliefert und Armut und Ausbeutung ausgesetzt sind. Deshalb kümmern sich die Tora und die Propheten überwiegend um Fragen der menschlichen Verhältnisse, um ihre Beziehungen zueinander, letztlich um den Schutz der Gesellschaft: In den Zehngeboten regelt die Mehrheit der Gebote die Familie, Ehe, das Eigentum, also das menschliche Zusammenleben. Frömmigkeit im jüdischen Sinn hat mit Gerechtigkeit zu tun und der religiöse Kult kann nicht getrennt werden, beide liegen gleichsam auf einer richtig geeichten Waage. Denn alles zusammen – Glaube und Leben – steht auf dem Fundament der Gottesliebe, dass nämlich Gott den Menschen liebt und der Mensch ihn, indem er seinen Nächsten dient.

Das In-eins-Fallen von Glaube, Leben, Gottesdienst

Für diesen Zusammenhang kämpft auch der Prophet Amos, selber Landwirt, der seine Produkte vermarkten musste. Er weiß, wie die Gesetzlichkeiten des Handelns und des Marktes laufen, und wie man sie für sich günstig beeinflussen kann, auf Kosten der anderen, meistens ärmeren. Er weiß und erfährt auch, dass der auf die anderen hin in rechter Weise eingestellte Glaube die eigenen Geschäftsinteressen stören kann. Es entsteht ein Konflikt zwischen Glauben und Leben, obwohl es umgekehrt so sein sollte, dass der Glaube das Leben fördert. Plötzlich sind der Sabbat und die Feiertage lästig für die Wirtschaft; oder der Glaube verhindert, dass Gewinne durch Fälschung der Maße oder überhöhte Preise gesteigert werden.
Der Glaube steht auch heute im Weg etwa bei der im Schöpfungsgedanken verankerten Annahme von Mann und Frau, die für viele die Selbstbestimmung zu beeinträchtigen scheint und damit den Ernst und die Tiefe persönlicher Not gar nicht mehr in den Blick nimmt; oder auch beim Übersehen der Chance des Zölibats, in dem manche die ultimative Bedrohung für die positive Fortentwicklung des gesamten Menschengeschlechtes erblicken…

Wenn es um seine natürlichen Interessen geht, neigt der Mensch zu einer selektiven Rücksichtslosigkeit, die letztlich dem Gesetz des Stärkeren Tor und Tür öffnet und dementsprechend das Bestreben weckt, immer der Stärkere zu sein.

Das Ärgernis: Du sollst deinen Gott lieben aus ganzem Herzen

Wenn das Reich Gottes sozialen Frieden und Gerechtigkeit verspricht, muss es sich gegen Widerstände von Einzelnen, Gruppen, Parteiungen, Nationen durchsetzen. Diesen Gegenwind kennen nicht nur die Propheten, sondern auch wir alle.

Aber wie kann der Mensch gegen seine eigene selbstzentrierte Natur einem Gesetz gehorchen, das erst nach der Überwindung dieser Selbstfixierung die ihm zugedachte Schönheit und Fülle wiederherstellen kann?

Dieser Konflikt beschäftigt auch Jesus in seinen Gleichnissen: Im heutigen Abschnitt hörten wir vom Unterschied zwischen den „Kindern dieser Welt“ und den „Kindern des Lichtes“, vom Widerspruch zwischen Gott und dem Mammon und vom Konflikt zwischen dem „ungerechten Reichtum“ und dem „wahren Gut“. Jesus lobt den inakzeptablen Betrüger nicht, weil er seinen Herren zweifach betrügt, sondern weil er in seiner Sache unverzüglich, schlau und mit großer Entschlossenheit handelt. Genau das vermisst Jesus offensichtlich bei seinen Zuhörern und vielleicht auch bei seinen Jüngern. Das Reich Gottes kommt weder schleichend noch mit Gewalt von selber; es muss ergriffen werden, und zwar mit Entschlossenheit, Klugheit und ohne Zögern. Das erfordert das allererste Gebot: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft!“

Denn es gibt nur einen einzigen Herrn, dem der Mensch ganz gehorchen darf, ohne Unterwerfung, ohne dabei Unterdrückung und Ausbeutung befürchten zu müssen, und das ist Gott. Keine weltliche Herrschaft, kein Tempel, keine Kirche, keine Autokratie oder Demokratie kann diese Stellung, Herr der anderen zu sein, beanspruchen.

Die so andere Herrschaft als Grundlage des jüdischen und christlichen Glaubens

Die Vision des jüdischen und christlichen Glaubens von dem einen Herren strebt keine Alleinherrschaft im politischen Sinne an. Sondern er wirbt um die Herrschaft Gottes, indem der Mensch sich Gottes liebendem Willen und befreiendem Maß vertrauend zuordnet. Unsere Welt wird wohl schwerlich je eine einzige Herrschaft akzeptieren – und das ist gut so –, aber mein Leben braucht durchaus eine eindeutige Ausrichtung, und zwar auf das Höchste, das mich von allen verkehrten menschlichen Herrschaften erlösen kann. So wie man nicht gleichzeitig in zwei Richtungen laufen kann, so kann man in diesem Sinne mit seinem Leben auch nicht zwei Herren dienen. In einer Konkurrenz nämlich zieht sich der wahre Gott immer zurück. Seine leise Stimme und sein vorerst oft verstörendes Angebot, den Nächsten zu lieben und das Kreuz zu tragen, müssen unsere Leidenschaft und Entschlossenheit wecken, damit wir „Kinder des Lichtes“ werden und das „wahre Gut“ erlangen: das Glück der Nähe Gottes in einem Leben für die Nächsten.

Dies alles fließt zusammen in den Texten des heutigen Sonntags und erreicht damit uns:  von der Klage des Amos über die Zustände untereinander im Volk Gottes bis zur Klage Jesu über untreue Verwalter in seinem Haus – bis hin zum Weckruf, sich dem Hauptgebot des Bundes wieder zuzuwenden „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit aller Deiner Kraft“ – ihn, als einzigen Herrn. Und selbst im Brief an Timotheus klingt dies noch bittend nach: dass Frieden in der Welt sei und er bis hin zu den Heiden als Bote dieser Botschaft gehört werde.

Amos 8,4-7; 1. Timotheusbrief 2,1-8; Lukasevangelium 16,1-13;
25. Sonntag Jahreskreis C;
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg