Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 7

Wie kann man das verstehen: ein Gott in drei Personen?
oder
Wie geht das: leben wie der dreieinige Gott?

Homiletische Überlegungen auf dem Boden der Texte des Dreifaltigkeitssonntags

Aus den großen heilsgeschichtlichen Festen: Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten fließen gleichsam weitere Hochfeste hervor, die nicht auf eine biblische Erzählung zurückgehen, sondern einen theologisch wichtigen Aspekt von Gottes Wesens-Art feiern: so der Dreifaltigkeitssonntag sowie auch Fronleichnam und das Herz-Jesu Fest. Man nennt sie deshalb auch „Ideen“-Feste. Sie wollen uns tiefer in das einbeziehen, was unsere höchste Bestimmung ist: Gott zu loben für alles, was wir sind, was wir haben und was mit uns geschieht. Denn der Glaube erkennt in all dem Äußerungen von Gottes Anteilnahme und Liebe zu uns:
° Der Vater, der uns geschaffen als sein Ebenbild und Hüter der Erde.
° Jesus Christus, der uns aus allen Völkern zur Erkenntnis des Vaters geführt, damit wir ihn lieben.
° Der Heilige Geist, der uns erneuert und heiligt, damit wir antworten können auf die Liebe des Vaters.

Aber was heißt das alles?

Heute gibt es viele Menschen, die unsicher sind, ob es Gott überhaupt gibt und ob sie daran glauben können. Wenn man anfängt, da noch von Dreifaltigkeit zu reden, ist der Ofen schnell ganz aus. Es gibt Theologen und Priester, die erst richtig in Fahrt kommen, wenn es um die Trinität, um Gottes innerstes Wesen geht. Andere versuchen, möglichst alles Komplizierte zu verschweigen in der Hoffnung, dass manche ihre Ware kaufen, wenn sie keinen allzu hohen denkerischen Preis dafür bezahlen müssen. Wenn man die Hl. Schrift kennt, weiß man, dass hinter der Frage nach Gott keine komplizierten Überlegungen, sondern Erfahrungen und eine Geschichte stecken. Die Frage, die wir im Zusammenhang mit den Texten des Dreifaltigkeitssonntags B beantworten wollen, heißt nicht sofort: Was ist das Wesen Gottes?, sondern zuerst viel einfacher: Was ist die Liebe wirklich?

So wie die Bibel dieser Frage nachgeht, wird weder das Niveau des Denkens gesenkt, noch verliert man sich in Spekulationen. Es lohnt sich immer, zu den Fundamenten zurückzukehren, die im Alten Testament gelegt wurden.

Es geht um einen Weg, eine Geschichte

Im vierten Kapitel des 5. Buches Mose rekapituliert Mose noch einmal die wichtigsten Ereignisse, die es ermöglicht haben, dass das Volk Israel jetzt unmittelbar vor dem verheißenen Land steht und bald dort einziehen kann. Inzwischen ist eine neue Generation aufgewachsen, die es nicht erlebt hat, wie Gott ihre Eltern aus Ägypten befreit hat. Sie müssen aber verstehen, wer sie sind, was für eine Sendung sie haben und welche Alternative Gott mit ihnen vorhat. An diesem Vorgang offenbart sich nämlich auch, wer Gott ist und was sein Ansinnen ist. Es zeigen sich darin drei Schritte:

Erstens beginnt der Text mit der Aufforderung: „forsche nach“. Die junge Generation soll keinen blauäugigen Glauben haben, bloß weil es Mose sagt oder die Alten. Es ist nämlich weder irrational noch unerforschlich, wer Gott ist und wie er handelt. Man kann und soll sehr wohl nachforschen – denn es ist aus der Geschichte ersichtlich, durchaus belegbar, warum dieser Gott größer ist als alle anderen Götter.

Fragt man im zweiten Schritt, welche Belege es gibt, kann man jedenfalls vier nennen:

  1. Mose nennt als allerersten Beleg für Gottes Größe und Einzigartigkeit, dass Gott geredet hat. Das ist noch vor den Großtaten Gottes zu erwähnen: dass er spricht; eine Urerfahrung in der Wüste: Schon aus dem Dornbusch konnte ihn Mose hören und vor allem am Berg Horeb, woran Mose hier erinnert: aus dem Feuer des Berges. Zwar hat nicht jeder alles gehört, denn nur Mose hatte das Privileg, Gottes Worte zu verstehen und zu vermitteln, aber das Phänomen des Redens Gottes wurde allen klar. Dieses „Nicht alle haben es gehört“ weist darauf hin, dass es nicht einfach ein Sprechen war, wie wir sprechen, mit lauten Worten. „Hören“ von Gott her ist eher zu beschreiben als ein hergestellter Gleichklang des Wollen und Verstehens eines Menschen mit dem, was Gott will. Das ganze Volk musss als Folge davon verstehen, dass diese Gesetze auf den Tafeln und der dort geschlossene Bund nicht von Mose stammen. Ein paar Verse vorher motiviert Mose die Israeliten, das Gesetz zu halten, mit den Worten: „Wenn die Völker alle diese Gebote hören werden, dann müssen sie sagen: Was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk!“ Das Sprechen Gottes ist letztlich daran erkennbar, dass und wie sich das Leben der Menschen geändert hat, die diese Worte aufgenommen haben.
  2. Als zweiten Beleg sagt Mose, dass „Gott zu euch gekommen ist, um euch zu befreien“. Es ist immer bewegend, die Schrift so unbekümmert sagen zu hören: Gott sei gekommen. Es ist zwar klar, dass er Mose und Aaron geschickt hat, aber in ihnen ist er selber gekommen, um das Volk zu befreien. Und dass man den Ägyptern entkommen ist und ihr Staatswesen nicht für das Non-plus-ultra hält, sondern ein besseres sucht, das sind Zeichen, dass hier etwas Besonderes vor sich geht.
  3. Kurz vorher findet sich ein dritter Beleg für Gottes Größe: sein Erbarmen. Es heißt: „Denn der HERR, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht verlassen noch verderben, wird auch den Bund nicht vergessen, den er deinen Vätern geschworen hat.“ Dass ein Volk trotz seiner Schwäche und Untreue nicht ständig mit schlechtem Gewissen und in der Ungewissheit leben muss, sondern immer zu Gott zurückkehren kann, ist ein Beleg für die Barmherzigkeit Gottes.
  4. Und schließlich läuft die Rede des Mose darauf hinaus, dass Gott seinem „Erbvolk“ – wie Israel genannt wird – das Land geben wird.
    Als Israel dieses Buch liest, hat es das Land bereits unter den Füßen, bzw. hat es gerade verloren oder wiedergewonnen, jedenfalls ist das Land ein Faktum – unabhängig von seinen geographischen Grenzen und der politischen Situation. Israel hat inmitten von stärkeren Völkern eine Lebensmöglichkeit bekommen, nicht bloß über Gott nachzudenken und ihn im Kult zu verehren, sondern das Gesetz konkret zu leben.

Im dritten Schritt wird nach den Belegen für Gott auch der Grund erwähnt, warum Gott spricht und kommt, nämlich um zu retten und das Volk ins Land des Friedens zu führen. „Weil er deine Väter geliebt hat und ihre Nachkommen erwählt hat“– heißt es einfach. Hier kommt ausdrücklich das Wort Liebe vor. Aber diese Liebe wurde bereits durch die vorhin erwähnten Dinge umfassend inhaltlich bestimmt: Liebe ist auch bei Gott nicht bloß innere Bewegung des Herzens, sondern Sprechen, Befreiung und die real geschenkte Lebensmöglichkeit nach neuen und guten Gesetzen im Land.

Sohn und Geist als Vermittler der Sprache Gottes

Gut und schön, aber wurde mit diesen Beobachtungen nicht letztlich die Frage der Dreifaltigkeit doch still umgangen? Nicht ganz. Denn Gottes Sprechen, sein Wort aus Liebe, das neues Leben ermöglicht, ist doch identisch mit seinem Sohn, der in Jesus Mensch wurde. Und der Mut und der Wille Israels, auf Gott zu hören, völlig unbekannte und kaum aussichtslose Wege zu gehen, das Leben für die Liebe zu leben und nach jedem Versagen umzukehren, setzt doch die Ausgießung des Heiligen Geistes voraus: Dieser Geist der Liebe ist es nämlich, der für die Identität von Idee und Wort bei Gott und für Verstehen und Tun bei den Menschen sorgt und darin existiert. Auch die Sendung Israels für die Völker, die den Jüngern Jesu nach Ostern auf dem Berg aufgetragen wurde, verbindet die Kirche mit der Sendung des Sohnes Gottes und des Heiligen Geistes in die Welt. Senden, gesandt werden aus Liebe, bitten und gehorchen aus Liebe – das sind die für uns zugänglichen Details der Dreieinigkeit Gottes, in die auch wir durch den Glauben eingebunden sind.

Deuteronomium 4,32-40; Brief an die Römer 8,14-17; Matthäus 28,16-20, Dreifaltigkeitssonntag B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg