Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 8

A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe (von Tamás Czopf)

Diese Überlegungen tragen dem Zusammentreffen einer Taufe im Rahmen des Sonntagsgottesdienstes gerade mit den Texten dieses Sonntags Rechnung.)

B. Über die Sendung der Jünger (von Konrad Wierzejewski)


A. Wie im Scheinwerferlicht: Die Taufe

So scheint die Situation der Kirche zu sein

Nach einer vor kurzem durchgeführten Befragung von Katholiken im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz kamen die Ergebnisse vor ein paar Tagen auch in unserer Regionalzeitung. In dem Artikel stand u.a. der Satz: „Die Menschen erwarten von der Kirche, dass sie in schwierigen Lebenslagen Trost spende und Hilfe anbiete, doch nur knapp die Hälfte der Befragten habe den Eindruck, dass die Kirche diese Erwartung erfüllt.“
Wenn es irgendwo brennt, ruft man die Feuerwehr, wenn man sonst in Not gerät, die Polizei oder den Rettungswagen. Und wenn man Trost und Hilfe braucht, dann sollte auch eine Nummer parat sein, womit man schnell die Kirche rufen kann, dass sie herbeieile, um Trost und Hilfe für zumindest die Seele zu bekommen.
So ähnlich sind die Vorstellungen von vielen auch noch nicht ausgetretenen Kirchenmitgliedern über die Kirche. Solche Personen werden immer wieder und vielleicht zunehmend frustriert, weil die Kirche diese Erwartung nicht erfüllt. Für die Zeitung ist es natürlich unerhört und man verlangt, dass die Kirche endlich mal „da ist, wo die Menschen sind“, sonst wird sie und muss sie untergehen.
So schaut etwas karikiert die gefühlte Lage der Kirche hier im ehedem katholischen Bayern aus. Und man wundert sich geradezu, dass es noch Eltern gibt, die ihre Kinder taufen lassen wollen.

Ich sage das nicht aus Resignation oder um Hämisches über die Kirche von heute auszusagen. Lassen wir ruhig die Frage zu, wozu die Kirche da ist. Was ist ihr Auftrag? Wir können auch so fragen:  Was ist und soll die Taufe mit ihren vielfältigen Zeichen als Vorgabe und Verheißung für das Leben?  Dieser Gottesdienst soll uns – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch – einer Antwort näherbringen.  

Berufung und was sie mit sich bringt

Wir haben Texte gehört, die wieder sehr viel zu erzählen haben. Der Text aus dem Markusevangelium ist entscheidend wichtig, weil hier mit einfachen Worten von der Geburt der Kirche und so auch von ihrer bleibenden Gestalt berichtet wird. Wie bei den Gleichnissen kommt es auch hier auf den ganzen Vorgang an: Nicht die Aussendung der Jünger in sich ist Kirche, sondern der ganze Prozess mit Berufung, Aussendung, Rückkehr samt Erfolg und Misserfolg.

Der ganze Vorgang hat als bleibenden Ursprung und Quelle die Sendung Jesu. Dabei gibt Jesus den Jüngern Anteil an seiner eigenen Sendung vom Vater her, damit sie in seinem Namen die Gnade weitergeben, die Gott für alle vorgesehen hat. Diese Sendung geht allem voraus; die Jünger gehen nicht im eigenen Namen, sogar Jesus selber spricht nicht im eigenen Namen, sondern sagt, was er vom Vater gehört hat. Aber damit beginnt erst die eigentliche Frage: Wie soll diese Sendung und Verkündigung geschehen? Wie werden die Jünger dieser Aufgabe gerecht?
In unserem Text hat die Antwort drei Dimensionen:
in dem, was sie sagen;
in dem, was sie tun;
und in dem, was sie sind.

1. Was sie sagen:
Die Jünger sollen „das Evangelium verkünden“. Das Wort darf nicht fehlen. Das Evangelium, die gute Nachricht ist das Wort von Gottes Handeln. Gott handelt unerwartet und schenkt überraschend gütig Erlösung und Heil. Das verkünden schon die Propheten, das erlebte schon Israel immer wieder. Das ist kein billiges Wort und als Wort ist es noch das Wenigste. Diese Worte weisen nämlich auf etwas oder jemanden hin, das oder der wichtiger ist als die Worte.

2. Deswegen gehört die zweite Dimension dazu: Was sie tun.
Jesus übergibt den Jüngern zwei Aufgaben: Dämonen, d.h. unreine Geister, auszutreiben und zu heilen. Dämonen gibt es bis heute mehr als man denkt. Sie sind Kräfte und Mächte, die uns unfrei machen: in unseren Gedanken, in unseren Beziehungen, unseren Finanzen und Gewohnheiten, unseren Träumen und Ängsten, und sie können auch in unserem religiösen Glauben still oder laut wüten. Heilung betrifft die „Fesseln“ auf der körperlichen Ebene, die uns versklaven. Es sind also nicht bloß Notsituationen wie ein Todesfall, eine Kündigung oder Trennung – diese Reinigung und Heilung betrifft das ganze Leben, das durch die Sendung und das Eintreten der Jünger neu ausgerichtet werden soll, damit das Evangelium heute für mich eine Freudennachricht ist. Worte reichen nicht, und Taten sind auch noch nicht alles.

3. Diese dritte Dimension der Verkündigung muss auch ins Spiel kommen: Was sie sind.
Diese Dimension ist ebenso unerlässlich wie das Wort und das Tun: nämlich die Jünger selber, ihre Wesensart, was sie ausmacht. Dazu gehört, dass sie Gesandte sind – wie wir hörten, sie kommen nicht aus Eigeninitiative, sondern aus einer kostbaren Sendung. Dazu gehört auch, dass sie jeweils zu zweit sind. Mikrogemeinschaften. Das relativiert den Einzelnen und fügt ihn zugleich in die größere „Körperschaft“ der Jünger und in den Leib der Kirche ein. Jeder von uns wird erst durch die anderen zum ganzen Menschen, auch zum ganzen Christen. Nicht der oder die Einzelne, sondern nur die Beziehung kann gültig von Gott reden und seine Gnade weitergeben, so wie er Beziehung, Weitergebender ist.
Was oder wer die Jünger sind, das zeigt auch ihre reduzierte Ausrüstung. Sie haben bloß einen Wanderstab dabei. D.h. sie werden bald wieder aufbrechen müssen und können sich nicht so richtig niederlassen. Die Verkündigung ist ein Weg, der weitergeht. Und sie besitzen keine Reserven, keine Sicherheiten. Sie sind nicht autonom und können alleingestellt nicht zurechtkommen. So ähnlich wie der Zölibat für den oder die Betroffenen eine gewollte Schwachstelle bedeutet, ist diese Art „Mittellosigkeit“ der Jünger eine Schwäche, die sie auf die Gemeinschaft angewiesen macht; nur das Ganze kann die Lücke „er-gänzen“ und ausgleichen. Die Jünger sollen nicht wie souveräne Alleskönner auftreten und die Leute mit Macht blenden, sondern äußerlich arm, angewiesen auf die anderen mit dem Reichtum ihrer Sendung erscheinen. Diese Vorgabe hatte wohl auch den Grund, dass herumwandernde meist einzelne Männer sich als „Prediger“ immer wieder an Leuten bereichern wollten. Von ihnen sollten sie sich unterscheiden.

Schließlich noch eine letzte Rahmenbedingung, die zur Existenz der Jünger gehört und zur Sendung der Kirche. Etwas, was fast jeden Sonntag auf dem Programm der Texte ist: die Feinde und der Widerstand. Die Gesandten werden nicht überall aufgenommen und können nicht ständig mit Zustimmung rechnen. Es wäre ein Irrtum zu hoffen, dass die Kirche auf breiter Basis die Massen erreichen und überall ankommen müsste. Sie wird zwar immer bei einigen ankommen, weil sie Gottes Heilsplan in sich trägt, wenn auch in zerbrechlichen Gefäßen, ständig von den eigenen menschlichen Schwächen umgeben. Aber das erkennen und akzeptieren nie große Mehrheiten. Deshalb können nicht bundesweit und weltweit aus Politik und Gesellschaft die Dämonen ausgetrieben und die Krankheiten geheilt werden. Aber an jedem noch so versteckten Ort kann es immer wieder Menschen geben, die Gott in der Kirche und Jesus in seinen Jüngern trauen und ihr Leben heilen und neu ausrichten lassen.

Man sieht, die Kirche ist nicht für „schwierige Lebenssituationen“ da, sondern für das ganze Leben. Sie kann nur aktiv werden und eine Hilfe sein, wenn sie aufgenommen und angenommen wird – nicht nur als Wort und als Aktion, sondern vor allem als ein Sein, sei es Jünger-Sein oder Geheilt-Sein.

Markus 6,7-13; 15. Sonntag im Jahreskreis B 2021, verbunden mit einer Tauffeier
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg

B. Über die Sendung der Jünger

Dieser Satz Jesu: „Er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzu­nehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel” gehört zu den besonders populären Sätzen der Bibel. Daraus wurde ein gerne gesungenes Lied gedichtet: „Selig seid ihr, wenn ihr einfach lebt.“ Aber trifft das die Botschaft Jesu?

Gesendet für ein einfaches Leben?

Das Ideal eines einfachen, anspruchslosen Lebensstils gab es schon Jahrhunderte vor Jesus bei den kynischen Wander­philosophen der Griechen wie Diogenes; dafür hätte Jesus nicht zu kommen brauchen. Sicher, er überbietet sie noch mit seinem Anspruch, denn ihnen wurde immerhin als Ausrüstung ihr Philosophenmantel, ein Bettelsack und eine Brotkruste als Notration zugestanden. Aber andererseits wurde Jesus als Fresser und Säufer verschrien, weil er gerade nicht diesem damals be­kannten Armuts­ideal folgte. War er selbst da nicht konsequent genug? Und sein erstes Wunder war, dass er für ein Hochzeits­fest Wasser in Wein verwandelte. Ging es ihm vielleicht überhaupt um etwas ganz anderes?

Dieser Satz aus dem Evangelium ist ja nicht aus einer Rede, wo Jesus Lebensregeln aufstellt für alle Menschen, die sich vervollkommnen wollen. Markus nennt die Adressaten: „Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus.” Die Adressaten sind hier also nicht alle, sondern die Zwölf, namentlich bekannt, nicht einfach die Fähigsten unter denen, die Jesus nach­folgten, oder die Mutigsten, das ganz sicher nicht. Im gleichen Satz heißt es dann: „Er sandte sie aus, jeweils zwei zu­sammen.” Es ist ein Wesensmerkmal, dass sie allein nichts ausrichten konnten. Dabei können wir auch mithören, dass nach dem Gesetz des Mose immer zwei Zeugen notwendig sind, um eine wichtige Sache festzustellen. Die Apostel sollen Zeugen sein für die gekommene Gottesherrschaft.
Aber glaubwürdig als Zeuge wäre keiner von ihnen, und wäre auch kein Christ, für sich allein als überzeugende, integre Persönlichkeit. Ihre Glaubwürdigkeit kommt daher, dass sie, die so Verschiedenen, das gleiche bezeugen. Und auch die Lebensregeln Jesu sind nicht Lebensregeln für einzelne Glaubenshelden, sondern für Menschen, die in der Erfüllung ihres Auftrags aufeinander angewiesen sind, auf Gemeinschaft, auf Gemeinden. Das beginnt bei den Zwölf, die zu zweit ausgesandt werden.

Ein Netzwerk der Jüngerschaft

Und auch zu zweit sind sie nicht nur auf sich gestellt. Wenn wir aufmerksam das ganze Evangelium lesen, finden wir viele Hinweise auf ein differenziertes Netzwerk von Menschen, die auf Jesus hörten. Da sind nicht nur die Zwölf, nicht nur die Jünger, die Jesus ruft, alles zu verlassen und mit ihm zu ziehen. Ein Stück vorher im Markus­evangelium wird von einem Mann erzählt, den Jesus heilt. Dann „bat ihn der Mann, … bei ihm bleiben zu dürfen. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat. Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Gegend der Dekapolis [der damals zehn antiken Städte östlich und südlich des See Genezareth], was Jesus für ihn getan hatte.“

So finden wir ganz verschiedene, scheinbar widersprüchliche Worte Jesu zu den Menschen, die ihm nachfolgen wollen, d. h. ganz unter­schiedliche Berufungen: Einem, der sagte: „Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Ab­schied nehmen“, ant­wortete Jesus: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und noch­mals zurück­blickt, taugt für das Reich Gottes.” Andere, wie der von den Dämonen Geheilte, bekommen die Berufung, nach Hause zu gehen, dort zu erzählen, was sie an sich erfahren haben, und so Stützpunkte von Sym­pathisanten zu bilden. Das waren dann die Häuser, in denen Jesus und seine Jünger aufgenommen wurden, wenn sie umher­zogen. Deshalb konnten sie ohne Proviant umherziehen. Mit ihrer Lebensweise waren sie Zeugen, dass sie ihre Sicherheit nicht mehr aus ihrer Vorsorge beziehen, aus dem, was sie mit sich herum­tragen, sondern aus dem untereinander verbundenen Leben all derer, die sich von der Botschaft Jesu hatten anzünden lassen. So sind diese Sympathisanten für die Sache Jesu und der Kirche genauso wichtig wie die, von denen verlangt ist, alles zu verlassen und keine andere Absicherung zu haben als eben dieses Netzwerk. Jesus sagt: „Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.”
Es gibt also keine Abstufung in der Wertigkeit der Berufung; jeder bekommt den vollen Lohn. Nur kann sich niemand seine Berufung selbst aus­suchen, auch das wird in den Evangelien sehr deutlich.

Dieses differenzierte Netzwerk blieb ein Bauprinzip der Kirche. In der Apostel­ge­schichte fällt auf, wie oft von den Häusern an den verschiedenen Orten die Rede ist, in denen Paulus auf seinen Reisen Aufnahme fand. Das Zeugnis für die Gegenwart der Gottes­herrschaft ist nicht die heroische Hingabe und Anspruchslosigkeit von Einzel­kämpfern, sondern dieses Netzwerk, in dem keiner Not leidet.

Auch heute ist es so, dass eine Gemeinde nur existieren kann als ein differenziertes Netzwerk verschiedener Berufungen: nicht ohne die, die sich heraus­rufen lassen und ganz frei machen für die Nachfolge Jesu, und nicht ohne die, die die Berufung annehmen, in ihren Lebenszusammenhängen ein Netzwerk von Stützpunkten zu bilden.

Die Spannung zwischen König, Priester und Prophet

Die erste Lesung aus  dem Propheten Amos zeigt, dass es kein spannungsfreies Verhältnis ist zwischen den verschiedenen Berufungen. In Israel gab es die Ämter des Königs, des Priesters und des Propheten, von denen König und Priester von ihrem Amt her eine klare Legitimation haben. Aber damit Gott zwischen diesen wohl legitimierten Institutionen sein Wort zu Gehör bringen kann, braucht er noch den Propheten, einen Laien, den er dazu von irgendeiner Arbeit wegholt und der keine Legitimation hat, außer dass sich seine Worte im Nachhinein als richtig erweisen. Im Deuteronomium heißt es: „Wenn du denkst: Woran können wir ein Wort erkennen, das der Herr nicht gesprochen hat?, dann sollst du wissen: Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen.” Ohne jede Absicherung muss also der Prophet König und Priester kritisieren und die Sicht Gottes einbringen.

Da hat mich einmal jemand gefragt: „Hätte nicht auch der Priester den Standpunkt Gottes vertreten und darin den Propheten unterstützen müssen?“
Ja, ein verständlicher Gedanke. Aber es ist wohl oft so, dass Propheten als Einzelne gegen Viele ihre Botschaft ausrichten mussten. Schon das Deuteronomium weiß von dieser Schwierigkeit. Vielleicht hat es deshalb so früh schon den Gedanken der Gewaltenteilung eingeführt. Es braucht die Amtsträger, aber damit ist noch nicht unbedingt die prophetische Sicht verbunden. Diese Spannung erwies sich als fruchtbar. Es gab die Könige, es gab die Priester, aber es gab eben auch immer wieder, rettend für den Bund, Personen, die frei waren von dieser Bindung und aus dieser Freiheit klarer oder auch schneller sahen, wo der Bund mit Gott gefährdet war.

Das Amt des Propheten ist etwas höchst Ungemütliches für den, den es trifft, aber ganz notwendig im Gottesvolk.

                                    Amos 7,12-15; Epheserbrief 1,3-14; Markus 6,7-13, 15. Sonntag im Jahreskreis B,
                                    © Dr. Konrad Wierzejewski, Pfarreiengemeinschaft Geltendorf