Theologische Fragen aus biblischen Texten der Liturgie 9

Die drei Daseins-Formen des „Gesetzes“

Alle drei Schrifttexte dieses Sonntags beleuchten ein Herzstück unserer Existenz als Christen: Mose ermahnt die Israeliten, dass sie das Gesetz unverändert halten sollen, damit sie leben, denn „darin besteht eure Weisheit und eure Bildung“. Der Jakobusbrief spricht vom „Wort der Wahrheit“, das „die Macht hat, euch zu retten“. Schließlich ringt Jesus mit den Pharisäern um die rechte Befolgung des Gesetzes als „Reinheit“ des Menschen von seinem Herzen her.
Im Mittelpunkt steht also das Wort und Gesetz Gottes, wie es in uns und unter uns heilend und reinigend wirksam werden kann. Im Judentum, wo dieses Wort erkannt wurde, hat das Gesetz drei Daseins-Formen, die freilich auch für die Kirche gelten:

Ursache einer großen Freude

Die erste ist das geschriebene Gesetz des Mose. In der Lesung spricht er mit Stolz von „Weisheit“. Es hat einen viel weiteren Horizont als nur Regulierung und Moralgesetz. Papst Benedikt nennt es in einer Homilie zum heutigen Sonntag: „Das Verstehen dessen worauf es ankommt, die Erkenntnis des Wesentlichen, wozu wir da sind…“1

Weisheit, Tora und Wort Gottes seien identisch. Sie decken uns auf, „wozu wir leben und wohin wir leben sollen“. Dieses Gesetz erscheint Israel nicht als eine Knechtschaft, sondern als Ursache einer großen Freude. Denn wir tasten nicht mehr im Dunkeln, was das Rechte sein könnte, Gott hat sich gezeigt, wir kennen seinen Willen, und damit die Wahrheit. Und der Papst fügt hinzu: „Die Weisheit ist etwas, was den Menschen Gott-fähig macht, die ihn reinigt von dem, was Gott entgegensteht. Sie wird nicht von uns erfunden, sie kann uns nur als Gabe geschenkt werden.“
Und es ist nicht bloß eine individuelle Wegweisung, sondern eine Sozialordnung, die umfassend formende Ordnung einer Gesellschaft, die imstande ist, ein Volk so zu prägen, dass es in unserer komplizierten und oft rauen Welt lebensfähig und erfolgreich sein kann.

Die mündliche Tora

Die zweite Form dieses Gesetzes ist die sogenannte mündliche Tora. Das orthodoxe Judentum geht davon aus, dass parallel zur schriftlichen Tora in den Büchern Mose auch eine mündliche Auslegung überliefert wurde, die von den Ältesten über Generationen weitergegeben und dann in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung im Talmud aufgeschrieben wurde. Die Welt und das Leben verändern sich, es tauchen neue Fragen auf, die neue Antworten verlangen. Viele Gewohnheiten und Traditionen schon zur Zeit Jesu stammen nicht direkt aus der Schrift, sondern aus diesen „Ausführungsbestimmungen“ der mündlichen Tradition. Die Rabbinen haben insgesamt 613 Gebote und Verbote zusammengezählt und aufgelistet. Eine symbolische Zahl, die Summe von 365 Tagen im Jahr und 248, der Zahl der Knochen eines Menschen nach damaliger Zählung. Das Anliegen dahinter ist klar: Die vielen Vorschriften sind nicht die fromme Überwucherung einer Überregulierung, sondern wollen die ganze Lebenszeit und den ganzen Menschen nach dem Willen Gottes formen und ausrichten.
Auch die Kirche hat eine nachbiblische Auslegungstradition, zum Teil durch die Kirchenväter, die Liturgie und die Dogmengeschichte.

Das ins Herz geschriebene Gesetz

Es gibt aber noch eine dritte Form des Gesetzes und des Wortes Gottes: nämlich das ins Herz geschriebene Gesetz. Davon reden schon Mose und die Propheten. Das Wort, das von Gott stammt und Sprache geworden ist, muss ins Herz, ins Leben vorstoßen. Wenn das ganze Gesetz in der Gottes- und Nächstenliebe „aus ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft…“ zusammengefasst werden kann, dann ist seine Befolgung alles andere als Formalismus, ängstliche Regeltreue und lästige Fremdbestimmung.
Das Problem mit den Pharisäern ist nicht, dass sie zu viele und komplizierte Bestimmungen vorgeben, sondern, dass sie an den Vorschriften hängen, ohne mit dem ganzen Herzen, mit dem Leben bei der Sache zu sein und das „Gebot der Stunde“ zu erkennen.
Man kann durchaus das heilige Gesetz, und auch das Kirchenrecht, ganz virtuos und scheinbar treu gegen den Glauben und seine neuen lebendigen Aufbrüche auslegen und anwenden – wie es nicht nur das Schicksal Jesu zeigt.

Jesus vertritt leidenschaftlich, dass die Gesetz gewordene Weisheit Person ist, und so ist ihre Wirksamkeit, die Reinigung des Lebens und des Gottesvolkes ein dialogisches Geschehen: Es beginnt damit, dass Gott, der die Wahrheit und die Liebe ist, schon am Berg Sinai auf uns zugeht und dass er uns jetzt in Jesus in die Hand nehmen will. Und wieder Papst Benedikt wörtlich: „In dem Maß, in dem wir uns von ihm berühren lassen, in dem dieser Dialog zu Freundschaft und Liebe wird, in dem innerste Einheit entsteht, werden wir ein Leib und ein Geist mit ihm, aus seiner Reinheit und Wahrheit werden wir Reine und daher Mithandelnde, Mitliebende mit ihm.“

Das braucht aber viel Zeit und auch viel Gespräch nicht nur im inneren Gebet, sondern auch untereinander, mit dem Unverstandenen und bedrohlich Erscheinenden…
Wenn das Gesetz und die Treue zu ihm ein persönlicher Dialog ist, dann erscheint auch die Spannung von „äußerlich und innerlich“ in einem ganz anderen Licht. Das Gesetz Gottes ist nicht Vergewaltigung, nicht von außen her uns auferlegt, sondern ganz im Herzen, in unserem Gewissen und unserer Vernunft zuhause. Es kommt aus meinem Inneren, aber von einem Anderen, der größer ist als ich.
Trotzdem und gerade deshalb sollte man mit der Geringschätzung der Äußerlichkeiten sehr vorsichtig sein. Ob es der Kirchgang, das Kreuzzeichen oder das Tischgebet ist – die Liebe zu dem unsichtbaren Herrn braucht Zeichen, der Dialog mit der Wahrheit drängt nach außen, vor allem aber zu einem Leben, das sich nicht nur dem Lukrativen und Angesehenen zuwendet, sondern auch den „Waisen und Witwen“, die es am nötigsten haben, und – was Jakobus ebenfalls betont – frei bleibt von den Modeerscheinungen des Zeitgeistes, weil es in der Weisheit und Wahrheit Gottes verankert bleiben will.
In diesem Sinn behält Jakobus Recht mit seiner Mahnung: „Werdet Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst!“


1 Predigt von Papst Benedikt XVI., Castel Gandolfo, 30. August 2009.

Deuteronomium 4,1-2.6-8; Jakobusbrief 1,17-18.21b-22.27; Markus 7,1-8.14-15.21-23,
22. Sonntag im Jahreskreis B
© Dr. Tamás Czopf, Pfarreiengemeinschaft Starnberg